Der zweite Tschetschenien-Krieg als Preis für politisches Versagen

Déjà vu: Russische Panzer, die in zerstörte tschetschenische Dörfer und Städte eindringen; tschetschenische KämpferInnen, die aus dem Hinterhalt angreifen, russische Truppen überraschen und einzelne Gebiete zurückgewinnen; russische Soldaten, die sich trotz zahlen- und feuerkraftmässiger Überlegenheit als nicht tauglich für einen Stadtkrieg erweisen…

Von Vicken Cheterian*

Es überrascht, dass der zweite russische Tschetschenien-Krieg exakt drei Jahre nach Unterzeichnung des 1996er Friedensabkommens mit Tschetschenien begann. Ir-gendetwas ist in diesen drei Jahren dazwischen völlig schiefgelaufen. Sicher, in Mos- kau gab es 1999 einige Leute, denen ein Krieg in Tschetschenien während des russischen Wahlkampfes sehr gelegen kam. Doch der neue Krieg hat tiefere Wurzeln als eine simple Kampagne zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung und der Wahlen in Russland.

Russland: Weder reiner Wahlkampf, noch ein Krieg um Öl

Im August 1996 wollte die politische Führung Russlands — angesichts der Unmöglichkeit Tschetschenien militärisch in die Knie zu zwingen — das Beste aus der schwierigen Situation machen. Angestrebt wurde eine Lösung, wie sie Aserbaidschan und Georgien, die kaukasischen Nachbarrepubliken Russlands, gegenüber ihren ethnischen Minderheiten handhaben. Auch Russland hätte einen ‘modus vivendi‘ mit einem de facto unabhängigen, aber nicht offiziell anerkannten Tschetschenien finden können. In der Tat war dies die Situation zwischen Moskau und Grozny während der drei Jahre vor dem ersten Krieg, bis Präsident Yeltsin im Dezember 1994 seinen Truppen befahl, ´die konstitutionelle Ordnung wieder herzustellenª.

Viele Analysen aus dem Westen stellten Verbindungen zwischen dem russischen Krieg in Tschetschenien und dem Gerangel um die Ölreserven und -pipelines am kaspischen Meer her. Aber nur wenige vermerkten, dass Russland und Tschetsche-nien in diesem Streit auf der gleichen Seite stehen: Sowohl Russland wie Tschetsche-nien sind daran interessiert, dass das kaspische Öl durch die Baku-Novosibirsk-Pipeline fliesst, welche durch Tschetschenien verläuft. Beide würden empfindliche finanzielle und politische Einbussen erleiden, falls das kaspische Öl auf der Südroute (von Baku über Georgien zu den türkisch-en Mittelmeerhäfen; siehe S. 19) transportiert wird. Im Sommer 1996, dem bisherigen Höhepunkt der internationalen Auf- merksamkeit für das kaspische Öl, hatten Russland und Tschetschenien also ein gemeinsames Interesse zu verteidigen. Tatsächlich schickte Russland in dieser Phase Geld nach Tschetschenien, um die Sicherheit der Baku-Novosibirsk-Pipeline zu gewährleisten.

Nach der Ermordung des unberechenbaren tschetschenischen Anführers Djokhar Du-dayev während des ersten Tschetschenien-krieges gewann im Januar 1997 mit General Maskhadov jener Mann die tschetsche- nischen Präsidentschaftswahlen, mit dem Moskau am ehesten glaubte, kooperieren zu können. Viel war es nicht, was Russ-land von Maskhadov verlangte: Er sollte die Situation in Tschetschenien kontrollieren, den Durchfluss des kaspischen Öls gewährleisten und den ´ärgerlichenª Streit über den legalen Status Tschetscheniens auf Eis legen. Nun, da Yeltsin für seine zweite Amtsdauer gewählt war, wollte der Kreml das leidige Kapitel Tschetschenien endlich beiseite legen…

Tschetschenien: Zerfall eines Fast-Staates

Als Dudayev im Herbst 1991 seine Truppen zur ´tschetschenischen Revolutionª führte, sah er Tschetschenien als Auftakt einer ganzen Reihe von Umstürzen in der Region, an deren Ende schliesslich Russ-land aus dem ganzen Nordkaukasus hätte verdrängt werden sollen. Sein Ziel war eine neue Föderation kaukasischer Staaten vom Schwarzen Meer bis zum Kaspischen Meer.

Als die russischen Truppen im Dezember 1994 einmarschierten, platzte der romantische Traum: Nur wenige Freiwillige aus dem übrigen Kaukasus kamen Tschetschenien zu Hilfe. Die alleingelassenen Tsche-tschenInnen kämpften daraufhin nur noch für ihre engere nationale Unabhängigkeit und nicht mehr für eine kaukasische Föderation. Die Wahl von Aslan Maskhadov zum Präsidenten 1997 drückte genau diesen Wunsch aus. Nach dem ersten russischen Krieg wollten die TschetschenInnen eine Führung, welche den zerstörten und zusammengebrochenen öffentlichen Bereich wieder aufbaut und die Wirtschaft wieder in Gang bringt. Mit einem Wort: Maskhadovs Auftrag war die Gründung eines tschetschenischen Staates.

Allerdings gelang es Maskhadov in den beiden darauffolgenden Jahren nicht, konkrete Schritte in diese Richtung zu unternehmen. Vor allem scheiterte er dabei, die verschiedenen, durch den Krieg gestärkten tschetschenischen Anführer unter ein militärisches Kommando zu stellen — eine unabdingbare Voraussetzung für die Gründung eines Staates.

Der Krieg von 1994 bis 1996 zerstörte die letzte, in der tschetschenischen Gesellschaft respektierte Institution: die der Clan-Ältesten. Die vorrückenden russischen Truppen verhandelten häufig mit den Dorf- und Stadt-Ältesten mit der Absicht, die tschetschenischen Widerstands-kämpferInnen aus den urbanen Zentren zu drängen. Nach der Rückeroberung dieser Regionen im Sommer 1996 verweigerten deshalb die WiderstandskämpferInnen den Clan-Ältesten fortan den Respekt.

Das Ergebnis war, dass Tschetschenien als Staat nicht mehr existierte, ähnlich wie der Libanon in den 80er Jahren oder Afghanistan in den 90er Jahren. Allen dreien gemeinsam ist das Verschwinden jeglicher staatlicher Autorität, die Aufteilung des Territoriums unter verschiedenen ´Warlordsª (mit dauernden Kämpfen untereinander), der Zusammenbruch der Wirtschaft und eine allgemeine Unzufrieden- heit mit der früher als ´Freiheitskampfª angesehenen Widerstandsbewegung. Dazu kommt eine fortschreitende Krimina-lisierung der Wirtschaft: Im Libanon waren es Waffenhandel, Drogentransit und Entführungen, in Afganistan ist es eine nach wie vor explosionsartige Ausweitung der Drogenproduktion. In Tschetschenien ging es vor allem um das illegale Anzapfen der Ölpipelines und um den Aufbau einer eigentlichen ´Entführungsindustrieª, die ein kaum je zuvor erreichtes Mass erreichte. Ein letztes Charakteristikum für den Zerfall Tschetscheniens liegt in der Tatsache, dass das Land immer mehr zum Zufluchtsort für verschiedenste radikale Kräfte wurde: Von den Wahabis unter Kattab — einem saudiarabischen Islamisten mit Kampferfahrung in Afganistan und Tadschikistan — bis zu Nadir Khachilaev, einem mafiösen dage-stanischen Anführer, dessen Machtüber-nahmeversuche in der Heimat scheiterte. Die Extremisten verbündeten sich mit den lokalen ´Warlordsª und radikalisierten mit ihren Ideologien, Mitteln und Beziehungen die tschetschenischen Kräfte. Die Allianz zwischen Basaev, dem berüchtigten Anführer des abchasischen Battallions (dem Kern der tschetschenischen Widerstandstruppen) und Kattab sollte eine entscheidende Rolle bei der Auslösung des zweiten Krieges spielen.

Der zweite Krieg: Provokation des Bären

Lässt man die russischen Anschuldigungen beiseite, wonach tschetschenische Islamist-Innen hinter der Bombenkampagne gestanden hätten, die im Sommer 1999 in Moskau und einigen anderen Städten 300 Todesopfer forderte, bleiben immer noch die beiden tschetschenischen Angriffe auf Daghestan zu erklären. Weshalb forderte Tschetschenien den russischen Bär heraus?

Die vorherrschende politische Ideologie in Tschetschenien unterlag seit 1990 mehreren radikalen Veränderungen. Bereits erwähnt wurde der Wechsel vom Revolutionär Dudayev zum Staatsgründer Maskha- dovs. Dessen Scheitern beim Versuch, der de facto-Unabhängigkeit Tschetscheniens eine Grundlage zu geben, führte zur Zersetzung auch dieser Idee. Die Tschetsche-nInnen hatten nach beinahe einem Jahrzehnt von Umstürzen genug. Die Idee der Freiheit, von vielen in den Jahren des Exils in Sibirien und Kasachstan so sorgfältig gehegt, glich immer mehr einem grossen Gefängnis — Unabhängigkeit schien in die Sackgasse zu führen.

Die Unterlassungen Maskhadovs, Schritte in Richtung einer Stabilisierung der Situation zu unternehmen oder wenigstens grundlegende Staatsdienste aufzubauen, führte zu einer erneuten Polarisierung der Bevölkerung. Ein Teil versank in Hoffnungslosigkeit. Eine Minderheit aber ersetzte den tschetschenischen Nationalismus durch einen radikalen Islamismus. Diese zweite Gruppe umfasste auch eine Minderheit der ehemaligen Widerstands-kämpferInnen, für die der Krieg zum Beruf geworden war. Angesichts der drückenden Kriegsfolgen des vorangegangenen Jahrzehnts und der Sehnsucht nach einem anderen Tschetschenien, hatte die Generation der jungen, ehemaligen KriegerInnen von der ´realexistierenden Unabhängigkeitª nichts zu erwarten. Sie brauchten eine übernatürliche Erklärung, und der radikale Islam Kattabs (´Wahabismusª genannt) lieferte genau dies. Mit anderen Worten: Der Wahabismus war eine Möglichkeit, um der Realität des gescheiterten tschetsche-nischen Staates zu entfliehen.

Allerdings hat der Islam in Tschetschenien keine tiefen Wurzeln: Er kam erst spät, im 16. Jahrhundert, nach Tschetschenien und hatte vorerst nur beschränkten Erfolg. Die TschetschenInnen akzeptierten den Islam, als die Sufi-Bruderschaften in Dagestan die Kämpfe gegen Russland im 18. Und 19. Jahrhunderten anführten. Dagestan ist die Ausnahme in der Region: Dieses ´Land der Bergeª kam unmittelbar durch arabische Invasionen mit dem Islam in Kontakt. Bereits im 9. Jahrhundert war der Islam in Dagestan verbreitet, mit der Stadt Derbent als einem Zentrum islamischer Schulen. Deshalb machte es auch 1996 wenig Sinn, ein islamisches Emirat Tschetschenien ohne Dagestan zu fordern.

Russland braucht endlich eine Kaukasus-Politik

Im Rückblick zeigt sich in der Haltung Russlands gegenüber dem nördlichen Kaukasus ein Muster: Entweder wird auf einzelne Ereignisse überreagiert oder dann überlässt Moskau die Region mit ihren Problemen wieder völlig sich selbst. Russland fehlt es bis heute an einer Definition seiner Ziele im Nordkaukasus und an einer sorgfältige Abklärung, wie diese Ziele zu erreichen sind. Nach dem erniedrigenden Rückzug aus Tschetschenien 1996 hatte Russ- land zwei Möglichkeiten:

Zum einen die Zustimmung zu einer de facto-Unabhängigkeit Tschetscheniens, mit dem Versuch in Grozny einen zuverlässigen Partner aufzubauen, der irgendwann ein formelles Abkommen mit Moskau unterzeichnen würde. Mit Maskhadow stand eine solche Person zur Verfügung — die aber dringend auf Unterstützung von aus-serhalb angewiesen war, um die zerfallenen staatlichen Strukturen in Tschetsche-nien wieder herstellen zu können. Moskau jedoch ignorierte Maskhadow und liess ihn im Stich.

Die zweite Möglichkeit Moskaus bestand darin, auf eine Schwächung der tsche-tschenischen Truppen und eine Stärkung der pro-russischen Tendenzen zu setzen, diskreditierten sich doch die aus dem Krieg hervorgegangenen ´Warlordsª auch vor den eigenen Leuten. Moskau hätte zuerst an seinem Image als einzige Rettung arbeiten sollen: als einzige Kraft, die Tschetsche-nien Stabilität und damit bessere Lebensbedingungen bringen kann. Danach hätte es gegolten, sich in keine direkten Kämpfe verwickeln zu lassen und gleichzeitig tschetschenische Kräfte aufzubauen, die das Terrain für die russische Armee vorbereiten hätten können. Eine solche Politik verfolgte z. B. Syrien sehr erfolgreich, als es 1984 bis 1989 radikale und verfeindete libanesische Milizen im Libanon befriedete. Moskau zeigte sich dazu nicht imstande.

Wird Moskau nach dem zweiten tschetschenischen Krieg einen klügeren Ansatz für seine Nordkaukasus-Politik suchen?

*Vicken Cheterian ist freier Journalist.


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