Der letzte Neuchlianer

Ende März wurde die Arbeitsstelle Militär und Ökologie aufgelöst und ihr Stellenleiter Urs Höltschi verabschiedet. Ein Porträt über denjenigen, der die Opposition gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen am längsten betrieb und mit der Arbeitsstelle Militär und Ökologie (amö) dem Volkswillen Nachachtung verschaffen wollte.

Von Michael Walther*

Als ich telefoniere, um einen Termin abzumachen, hat es Urs Höltschi, seit Anfang März ´Ressortleiter Fundraisingª beim Schweizerischen ArbeiterInnenhilfswerk, gerade ´ein bisschen strengª. Es läuft nämlich die Jahressammlung in Verbindung mit einem Fernsehspot. Höltschi hängt über Ostern an der 800er-Nummer und nimmt die Spenden entgegen.

Zehn Jahre sind zu diesem Zeitpunkt gerade vergangen, seit in Neuchlen-Anschwilen der Widerstand gegen den Waffenplatz begann. Es war die grösste Oppositionsbewegung seit Kaiseraugst. Es blieb die grösste bis heute. Am 5. April 2000 waren es genau zehn Jahre seit der ersten Baggerblockade. Die Presse schwieg. Und es war am 30. März, als Urs Höltschi vom Schweizerischen Friedensrat nach sechs Jahren als Stellenleiter der Arbeitsstelle Ökologie und Militär verabschiedet wurde.

Gewieft mit den Medien

Irgendwann im April 1990 war Höltschi in Neuchlen-Anschwilen aufgetaucht — und geblieben. Er war damals 17-jährig. Blutjung. Aufgewachsen ist er in Romanshorn. Der Bodensee und die Wälder und Wiesen davor haben ihn vielleicht geprägt. Als in Neuchlen die Baggerblockaden begannen, stand er mitten in der Fotografenlehre. An den Aktionen in Neuchlen nahm er in der Freizeit teil. Als im Juni 1990 die Waffenplatz-Initiative ´40 Waffenplätze sind genug — Umweltschutz auch beim Militärª lanciert wurde, brach er die Fotografenlehre ab und machte im Waffenplatz-Büro die Medienarbeit. Er tat dies mit Charme und ging angesichts seiner Jugend mit den gewieften Medienschaffenden unbegreiflich gewieft um.

Er begab sich immer flexibel in neue Rollen und Situationen. Mit 20 produzierte er den Waffenplatz-Film, eines der komplexesten Projekte, welches die Waffenplatz-Opposition realisierte. Er konnte mit Infos und harten Fakten besonders gut umgehen. Es brauchte sicher viele Zigaretten, aber in-nert eines Monats machte er sich en détail über 40 Waffenplätze kundig. Er war es, der bei der Erstellung des Armee-Umweltsündenkatalogs die Sache im Griff hatte, wozu man nicht nur mit den 40 Waffenplätzen, sondern auch mit den 300 militärischen Schiessplätzen per Du sein musste. Er hatte sich die Umweltverträglichkeits-prüfungs-Verordnungen eingeimpft und schmiss einem das Fachchinesisch aus der Umweltgesetzgebung um die Ohren, dass einem schwindlig wurde. Höltschi ist eher bescheiden, aber damit zeigte er, was er konnte. Anerkennung ist ja sonst selten in diesem non-profitablen Metier.

Weitermachen und gegessen

Höltschi war der einzige, der ´weiter machteª, nachdem die Waffenplatz-Ini-tiative am 6. Juni 1993 bachab ging. Er schlug die Bildung einer Fachstelle vor, die sich ausschliesslich ums Thema Militär und Ökologie kümmern sollte. Was Höltschi effektiv im Sinn hatte, war, dem Volkswillen Nachachtung zu verschaffen. 45 Prozent hatten zur Waffenplatz-Initiative Ja gesagt. Sinn der amö war es, diese qualifizierte Minderheit ein- und mit ihr die Armee unter Druck zu setzen.

Heute, nachdem der schweizerische Frie-densrat die amö aus finanziellen Gründen aufgeben und Höltschi künden musste, sind die Anliegen der Waffenplatz-Initiative schlicht: Gegessen.

Heute muss das VBS fast schon davon abgehalten werden, dass es die Ökologie nicht höher gewichtet als die Sicherheitsinteressen. Es besteht bei militärischen Bauprojekten ein Mitspracherecht von Umweltverbänden, Gemeinden und Anwoh- nerInnen. An die UVP-Gesetzgebung hält sich das VBS sozusagen wie ein ‘normaler Bürger’. All dies waren Kernanliegen der Initiative ´40 Waffenplätze sind genugª, deretwegen im Vorfeld der Abstimmung 1993 noch die Existenzfrage über die schweizerische Eidgenossenschaft gestellt wurde. Heute findet kein Mensch mehr, der Armee hätte es irgendwie geschadet, wenn Neuchlen ungebaut geblieben, die Landschaft im Original erhalten und nicht von 1993 bis 1995 in eine ökologische ‘Teletubbie-Landschaft’ verwandelt worden wäre.

Dass die Situation so bleibt, dessen ist Höltschi sich nicht so sicher. ´Das VBS wird in Zukunft finanziell einem höheren Druck ausgesetzt sein. Es kann bei der Ökologie nicht mehr so klotzenª, meint er. Geklotzt hat es nach seiner Einschätzung punkto Ökologie. Gerade in Neuchlen. ´Kein privater Bauherr könnte sich solche Naturflächen leisten — ausser Novartis. Aber die macht es nichtª, frotzelt er.

Ein wenig wird die Ökologie in den VBS-Köpfen bleiben, glaubt er. Aber das Thema werde in die Hinterköpfe zurückgestuft werden. Sicher ist für Höltschi auch, dass es, solange das VBS besteht, Öko-Unfälle geben wird. ´Es gab auch in den letzten Jahren Strassen, die plötzlich in einem Moor standenª, sagt Höltschi.

Mehr als ein Kulturprozent

25 000 Franken pro Jahr hat der Schweizerische Friedensrat von 1994 bis 1999 in diese Lobbystelle für ´Ökologie in der Armeeª investiert. Bei einem Budget von gut 250 000 Franken sind das 10 Prozent des Haushalts. Das ist jedenfalls mehr, als die Migros für Kultur ausgibt.

Keinen Hehl macht Höltschi aus der Enttäuschung über die Umweltverbände. Dass sie über alle die Jahre hinweg das Portemonnaie zu wenig aufgemacht haben, ist der Grund dafür, dass es die Arbeitsstelle jetzt nicht mehr gibt. Ökologie und Armee — das Thema, das zwischen der Friedens- und Umweltpolitik liegt — wurde stets von der friedenspoliti-schen Seite her angegangen; der Schweizerische Friedensrat beschäftigte sich schon in den siebziger Jahren damit. Nie haben es die Umweltverbände zu ihrer Sache erklärt. ´Die Umweltverbände haben klar Berührungsängste. Das ist bei diesen noch heute soª, hält Höltschi fest, ´aber nicht bei den friedenspolitischen Organisationen wie dem Friedensrat.ª

Nicht nur dies. ´Die Umweltverbände haben eine Chance vergeben. Im Bereich Armee und Umwelt hätte sich mit wenig Mitteln viel erreichen lassen. Das Verhalten der Umweltverbände war ineffektivª, sagt Höltschi.

Ist er selber zufrieden? ´Im Verhältnis zu unseren Mitteln haben wir sehr viel erreichtª, sagt Höltschi. Bleibt die Hoffnung, dass das Umweltbe-wusstsein bei der Armee nicht ganz zer-bröselt, wenn es die amö nicht mehr gibt. Einem Buwal-Mann, der an Höltschis Abschiedsfest weilte, war jedenfalls ein Bedauern anzumerken. ´Mach einfach!ª In den Jahren als Stellenleiter der amö hat Höltschi auch Rückschläge erlebt. 1995 erkrankte er ernsthaft. Das Einzelkämpfer-tum habe ihm oft zu schaffen gemacht, sagt er. ´Stets derjenige zu sein, der sagt, ‚man sollte‘, und alle haben dann immer gefunden: ‘Ja, gut, mach!‘ª 1997 und 1998 hat Höltschi eine Ausbildung in der Führung von Non-Profit-Organisationen abgeschlossen. Sonst blieb keine Zeit für die berufliche Weiterbildung. Er hat sie sich nicht gegönnt.

Es ist natürlich traurig, dass mit der Auflösung der amö der letzte — und ein wichtiger — Aktivposten der 1990 entstandenen Waffenplatzopposition verschwand. Erfreulich ist immerhin, dass sich für Urs Höltschi ans amö-Engagement nahtlos die qualifizierte Stellung beim SAH anfügt. Auch wenn es beim ArbeiterInnenhilfswerk bereits wieder ´ein bisschen streng istª.

*Michael Walther, 1964, ist freischaffender Journalist und Autor und lebt in Flawil SG. Er arbeitete von 1990 bis 1993 mit Urs Höltschi bei der Aktionsgruppe zur Rettung von Neuchlen-Anschwilen zusammen.




Jetzt geht Urs

Wenn Urs Höltschi von seinem amö-Büro im 1. Stock des Gartenhofs jeweils runter’kam’, um im Parterre ein Gerät zu benützen (oder zu reparieren) oder aber auch nur um einen ‚Frösch’ zu rauchen und mit uns zu plaudern, dann wussten wir immer sofort, dass er es war — noch bevor er die Glastüre öffnete. Das laute Gepolter, mit welchem er jeweils die Treppe herunterschwang, liess alle wissen: jetzt kommt Urs. Manchmal begab er sich aber auch in die ‚niedrigeren‘ Gartenhofgefilde, um seinem Ärger über das VBS, irgendeinen Umweltclub oder ab und zu auch über den Friedensrat Luft zu machen. Dann brauchte es sein Gepolter nicht, um ihn als heranrasende Furie zu erkennen, seine lautstarken Flüche genügten vollends. Künftig wird es viel ruhiger sein am Gartenhof, denn jetzt geht Urs.

Wir werden Urs Höltschi nicht nur wegen obengenannter Geräusche vermissen. Urs war am Gartenhof mehr als nur der Leiter der Arbeitsstelle Militär und Ökologie. Wenn wir mal alle die persönlichen Bande weglassen, die wir zu ihm geknüpft haben und die ja andauern, dann war Urs immer auch noch: der Service- und Netzwerk-Techniker des Gesamt-Gartenhofs, der kritische Buchhaltungs-Berater, der stets die Finger auf die heiklen Punkte des Budgets legte, der Software-Supporter bei all den kleinen Problemen der Compi- (sorry: Mac-)- BanausInnen, der aufmerksame Text-Zerpflücker, der Professionalisierungs-Beschwörer, was das SFR-Fundraising betrifft — und auch derjenige, der darauf achtete, dass stets genug Bier im Kühlschrank war und in diesem nicht zu viele liegengelassene Lebensmittel ein zweites, verdorbenes Leben begannen. Auch das Wohlergehen unserer Kaffeemaschine lag Urs immer sehr am Herzen, denn ohne Kaffee war (und ist?) Urs schlicht arbeitsunfähig.

Urs hat im Friedensrat und bei der FriZ immer noch Zusatzjobs erfüllt. Wenige bezahlt, die meisten kostenlos. Nebst seiner aufreibenden, spannenden, einsamen, professionellen Arbeit auf der amö hat er die Datenbank des SFR aufgebaut und während vieler Jahre auch ‚gefüllt’. Und wer weiss noch, dass ‚hö’ ganz am Anfang auch einmal bei der FriZ für deren Inseratewesen angestellt war?

Urs hat insbesondere auch die FriZ-Redaktion unterstützt — nicht nur mit Beiträgen aus seinem Arbeitsbereich. So erstellten wir seit Beginn der amö mindestens einmal jährlich ein gemeinsames Dossier zu einem Thema im Umweltbereich, womit die FriZ ein stabiles friedenspolitisch-ökologisches Standbein erhielt.

Urs war immer ein unerbärmlicher, konstruktiver und damit umso nützlicherer Kritiker der FriZ, ihrer Inhalte und insbesondere der bei ihm unbeliebten ‚Krakel-Schrift’ (letztere Kritik war allerdings weder konstruktiv noch nützlich). Hoffentlich bleibt er das auch! Und hoffentlich dauert das Ausmisten der amö-Archive eine Weile (wir sind da guter Hoffnung!), damit wir ihn und seine Husky-Hündin Luna möglichst lange noch regelmässig am Gartenhof sehen. Ein gut und frisch gefüllter Kühlschrank könnte ihn vielleicht auch danach ab und zu noch zurücklocken...

(mr)


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