Der Geruch des Grauens oder Die humanitären Kriege in Kurdistan und Kosov@: In seinem Buch blickt der Journalist Werner van Gent auf die Grenzen der Neuen Weltordnung.
Von Peter Weishaupt
´Wegschauen, ein panikartiger und darum halbherziger Einsatz politischer Mittel und dann der Bombenkrieg: Das ist das Muster der Neuen Weltordnung.ª Werner van Gent, Südosteuropa-Korrespondent für deutschsprachige Medien und den FriZ-LeserInnen nicht unbekannt, ein intimer Kenner der kurdischen Freiheitsbestre-bungen, aber auch Beobachter des jugoslawischen Zerfalls, bringt seine Erfahrungen der letzten 10 Jahre als Grenzgänger der ´humanitären Kriegeª in Kurdistan und Kosov@ auf den Punkt. In kurzen Kapiteln berichtet er über die ethnischen Vertreibungen, die Flüchtlingstrecks, die Elendslager mit ihrem unverwechselbaren ´Geruch des Grauensª, der von den sensationsgeilen Bildmedien nicht rübergebracht werden kann, über die Angst, die Gewalt, den Dreck und den Müll, die Toten und Sterbenden. Dabei wechselt er ab zwischen dem türkisch-irakisch-iranischen Grenzgebiet und der kurdischen ´Manövriermasseª vor, während und nach dem Golfkrieg in den 90er-Jahren sowie Kosov@ vor und nach der Nato-Intervention des letzten Jahres.
Dabei ergibt sich stets das gleiche Bild, ob im zerfallenden Jugoslawien, im KurdIn-nengebiet oder auch in Ost-Timor: Die internationale Öffentlichkeit und Politik reagiert auf krasse Menschenrechtsverlet- zungen (die Aufhebung der Autonomie Kosov@s, der Giftgas-Völkermord an den irakischen Kurden oder die Annexion Ost-Timors) entweder erst viel zu spät oder verdrängt sie systematisch, weil sie nicht in die gerade aktuellen strategischen und ökonomischen Interessen des Westens passen (die jahrzehntelange Aufrüstung des Iraks z. B. sollte den revolutionären Iran in Schach halten).
Erst wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt, werden alte Kumpane fallengelassen, und dann kommt gleich das ganze Luftstreitarsenal der USA ohne Rücksicht auf ´Kollateralschädenª zum Einsatz. Allzuoft aber geht das internationale Eingreifen nach Meinung von van Gent dann auch noch zu wenig weit: So wurden etwa im Dayton-Abkommen die absehbare Entwicklung in Kosov@ ausgeklammert und der irakische Machtapparat nach der Kuwait-Invasion im Interesse der Stabilität nicht unschädlich gemacht, womit nur neue Probleme geschaffen wurden, statt sie einer Lösung zuzuführen.
Van Gent geht aber noch weiter: Für ihn ist die weltweite Hatz auf den KurdInnenfüh-rer Öcalan und dessen Auslieferung an die Türkei eine Aktion im Rahmen der Neuen Weltordnung gewesen, die die PKK zur Aufgabe ihrer eigenstaatlichen Aspirationen zwang. Dagegen habe diese Strategie in Kosov@ total versagt: Dort hätten nicht nur die serbischen ExtremistInnen, sondern auch die UCK an die Kandarre genommen gehört. Stattdessen mutierte die Nato gleichsam zur Luftwaffe der bewaffneten albanischen NationalistInnen.
Das Buch ist ein Blick auf die andere Seite der ideologisch beschworenen ´humanitären Interventionª, auf diejenigen Menschen, die sich nach einem Spruch Bertold Brechts ´rücksichtslos zur Flucht wenden, ohne sich die geringsten Gedanken darüber zu machen, dass damit die militärischen Operationen empfindlich gestört werdenª.
Allerdings bleiben die skizzierten Alternativen nicht ohne Widersprüche. So plädiert Werner van Gent an einer Stelle dafür, dass gewaltsame Sanktionen gegen menschenrechtsverletzende Regimes glaubhaft angedroht (´neue Abschreckungª), aber unter keinen Umständen ausgeführt werden dürfen. An anderer Stelle fordert er wieder, ein militärischer Einsatz müsse mit massvollen Mitteln, aber mächtig und konsequent erfolgen; als Beispiel nennt er Srebrenica, wo eine gut ausgerüs-tete internationale Eingreiftruppe Massaker hätte verhindern können.
Nie jedoch wirkt van Gent lamentierend oder theoretisierend, immer bleibt er nüchtern beobachtend, journalistisch beschreibend, relevante Fakten mit hartnäckiger Menschlichkeit verbindend, und das alles in einer unprätentiösen Sprache. Ein Jahr nach Kosov@ jedenfalls ist sein Buch der intelligenteste Kommentar im uniformen Chor der kürzlich erfolgten verhaltenen, aber selbstzufriedenen Rückschauen der Nato-Generäle.
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