Atomstrom wird häufig als die ´saubere Alternativeª zu Erdöl bezeichnet. Doch die Analyse der bisherigen Atomstrompolitik und der Entwurf einer neuen Energiepolitik wird gescheut. Wie heute bei fehlenden Konzepten üblich, sollen es die Marktkräfte richten.
Von Martin Walter*
Energiepolitisch ist die Schweiz in die Irre gegangen, als sie Ende der sechziger Jahre den Atompfad einschlug und diese Politik 1973 aufgrund der Ölkrise von 1973 intensivierte. Der Ersatz fossiler Energieträger durch Atomkraft wurde in einem Ausmass gefordert, das selbst Atombefürworter heute als verrückt empfinden: Damals wurde Anlauf genommen, in der Schweiz einen Reaktorpark von über zehn Atomkraftwerken aufzubauen.
Damit genügend nuklearer Brennstoff beschafft werden kann, beteiligte sich die Schweiz bereits früh an einem europäischen Wiederaufbereitungsprogramm, das in La Hague und Sellafield durchgezogen wurde. Dabei wurde aus den abgebrannten Brennelementen das Plutonium heraussortiert und auf Halde gelegt.
Wenn die BetreiberInnen der schweizerischen Atomreaktoren heute Plutonium-Uran-Mischoxid (MOX) in ihren Reaktoren einsetzen, benehmen sie sich wie kleine Kinder, die man bei einem Lausbubenstreich erwischt hat: Sie tun jetzt so, als ob sie sich in seriöser Art und Weise mit dem Problem des Überhangs von Plutonium befassen, dadurch dass sie MOX verbrennen in ihren Reaktoren. Nun ist Plutonium ist aber auch der Stoff für den Bau der Atombombe. Wer einen Leistungsreaktor betreibt, ist im Prinzip imstande, mit abgetrenntem Plutonium eine Atombombe zu bauen.
Die Wiederaufbereitung das Fundament der Herstellung von Plutonium und auch von MOX hat aber ihre Unschuld längst verloren. Nicht nur, weil niemand mehr Plutonium ausser für Atombomben brauchen kann. In der Umgebung von La Hague (Frankreich) und von Sellafield (Grossbritannien) nehmen Krankheiten wegen dieser Technologie zu, vor allem bei Kindern von ArbeiterInnen in den Anlagen. Der Bundesrat hat die Unverantwortbarkeit dieses Vorgehens eingesehen. Das neue Atomgesetz wird gemäss Vorschlag des Bundesrates keine Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennelementen mehr erlauben. Die alten Verträge laufen aber noch und wir müssen, wenn wir uns nicht weiter mit Schuld beladen wollen, die Plu-toniumproduktion zur Herstellung von MOX sofort sistieren.
Wenn das Schweizerische Atomprogramm weiterläuft, werden wir im Jahre 2005 mehr als 35 Tonnen Plutonium auf Lager haben. Nur schon diese Tatsache sollte jeden Gedanken an eine Substitution fossiler Energieträger zur Vermeidung des Klimaeffektes durch CO2 verbieten. Es ist grotesk, die CO2-Problematik als Argument für die Atomenergie ins Feld zu führen, wenn der Kontext der Verseuchung unseres Planeten mit radioaktivem Abfall aus den Wiederaufbereitungsanlagen in Betracht gezogen wird.
*Martin Walter ist Arzt und Vorstandsmitglied von PSR-IPPNW-CH (Ärzte und Ärztinnen für Soziale Verantwortung Schweiz).
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