Mehrfach ausgebeutet: Indigene Völker und das Öl

In vielen Ländern des Südens, wo Erdöl ohne grossen Respekt vor der Umwelt gefördert wird, leben indigene Völker. Oft kommt es nicht nur zur Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen, sondern auch zu Menschenrechtsverletzungen durch Polizei und Militär.

Von Manuela Reimann*

In manchen Fällern reagieren indigene Völker auf die durch die Erdölförderung entstehenden Bedrohungen mit gezielter Gewalt. Aber auch gewaltloser Widerstand von Indigenen wird häufig von den ölabhängigen Staaten brutal unterdrückt. Zahlreich sind die Fälle, in denen auch internationale Konzerne auf Gewalt zurückgreifen: z. B. Kolumbien oder Nigeria.

Die Infoe Schweiz (Institut für Ökologie und Aktions-Ethnologie) hat in einer Studie untersucht, wann der Widerstand der Indigenen erfolgreich war, wann nicht und wie sich die Konzerne dabei verhalten haben.1

Auswirkungen der Ölproduktion

Verschiedene Auswirkungen der Öl- und Gasproduktion, die über die Zerstörung der Umwelt hinausgehen, wurden im Artikel von Sabine Ziegler bereits erwähnt: die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen wie das Vertreiben des Wildes, die Verseuchung der Böden, der Luft und der Gewässer. Mit dem Einwandern erster ÖlarbeiterInnen — die später oft zu permanenten SiedlerInnen werden — kommt es zu kulturellen Einflüssen, die vielfach die indigene Lebensart zu verdrängen drohen. Die Erschlies-sung sogenannter Randzonen durch die Ölkonzerne — insbesondere auch durch Strassenbau — zieht immer mehr MigrantInnen an und verschärft die Probleme der indigenen Lokalbevölkerung zusätzlich. Die MigrantInnen machen den Indi-genen die natürlichen Ressourcen und das Land streitig, oft werden die indigenen Gruppen zu diskriminierten Minderheiten, deren Landrechte unter Druck geraten oder die überhaupt nicht über Landrechte verfügen.

In den von infoe Schweiz untersuchten Fällen zeigte sich denn auch, dass es vielen Indigenen insbesondere darum geht, ihre Kultur und ihre Lebensgrundlagen zu schützen. Dies kann sich beispielsweise in Forderungen nach politischer Autonomie, rechtlichem Minderheitenschutz, selbstbestimmter Ressourcennutzung etc. ausdrücken. Erfolgreich sind sie vor allem dann, wenn sie von nationalen oder regionalen indigenen Organisationen vertreten werden, weil diese meist die Gesetzesgrundlagen kennen und mit anderen NGO — auch im Ausland — in Kontakt stehen. Wichtige Ursache für den Widerstand von Indigenen sind nebst der Angst vor den ökologischen Folgen der Erdölförderung auch kulturelle und religiöse Aspekte, aber vor allem auch die Befürchtung, ihr Territorium aufgrund der Immigration zu verlieren.

Für die Stärke des Widerstandes ist aber nicht nur das Ausmass der negativen Auswirkung der Öl- und Gasförderung entscheidend.2 Es gibt auch Beispiele von Gebieten, in welchen die Zerstörung massiv ist, wie in West-Sibirien (Chan-ten, Mansen, Nenzen), wo der Widerstand aber trotzdem nur gering blieb. Interessanterweise ist aber in einigen Fallbeispielen in Kolumbien (U’wa), in Ecuador (Achuar, südliche Quichua und Shi- wiar) und in Venezuela (Bari) der Widerstand gegen die Erdölkonzerne bereits in der Phase der geologischen Abklärungen sehr stark. In Peru wiederum versuchen indigene Gruppen durch ihre Organisation, die Aktivitäten der Konzerne zu überwachen statt zu verhindern.

Massiver Widerstand auch ohne grosse Schäden

Des weiteren gibt es Fälle von massivem Widerstand in einem mittleren Stadium der Ölförderung (Probebohrung und erste Förderung), in welchem die Schäden noch nicht so massiv sind wie bei einer langandauernden Förderung. In Ecuador etwa gab es zu Beginn der Ölförderung unterschiedliche Reaktionen: Einerseits war überhaupt kein Widerstand erkennbar (z. B. Cofan, Quichua), andererseits wurde von den Huaorani mit kriegerischen Massnahmen wie Überfällen auf die beginnenden Erdölarbeiten reagiert. Es ging den Huaorani dabei nicht um die Verhinderung der Förderung an sich, von welcher sie zunächst gar nichts wussten, sondern um die allgemeine Überzeugung, dass Fremde zu bekämpfen sind. Auch nach der Pazifizierung in den siebziger Jahren wurden drei amerikanische Geologen und ein Bischof von zurückgezogen lebenden Huaorani umgebracht.(3) In Papua-Neuguinea sind vereinzelte Aktivitäten gegen die Ölexploration bekannt. Ein Beispiel ist die Sabotage der Flugzeug-Landebahnen, die mit gefällten Bäumen und Gräben unbrauchbar gemacht wurden.

Man kann also nicht einfach von der Stärke der Schäden auf den Widerstand der indigenen Gruppen schliessen. Ebenfalls wichtig sind kulturelle (religiöse) sowie politisch-ökonomische Bedingungen, der Grad der Einigkeit unter den Indige-nen und die Beschaffenheit ihrer natürlichen Umwelt, die allenfalls ein Abwandern möglich macht oder nicht. Wichtig ist auch der Stand der Information über die Gefahr, die die Erdölförderung mit sich bringt.

Praktisch für alle indigene Gruppen besteht das Problem, dass die Konzerne oftmals versuchen, ihre Einheit zu spalten, um so zu einer möglichst billigen Förderung zu kommen. Wenn es den indigenen Gruppen nicht gelingt, kollektiv zu handeln, wird es für sie viel schwieriger, sich gegen die Konzerne zu behaupten.

Die Strategien der Konzerne

Natürlich spielt das Verhalten der jeweiligen Regierung eine wesentliche Rolle. Während in einigen Ländern die Rechte der Indigenen negiert und mit starken Repressionen und sogar mit Militärgewalt auf jeglichen Widerstand gegen Ölkonzerne (vor allem auch staatliche) reagiert wird, kennen andere Länder zwar gesetzliche Grundlagen zum Schutz der Umwelt und der Menschenrechte (Alaska, Peru, Kolumbien, Papua-Neuguinea), die jedoch nur mangelhaft oder gar nicht umgesetzt werden. Einige Konzerne haben mittlerweile auf Hochglanz polierte Broschüren und Homepages, in welchen sie mit ihren eigenen Positionen zu Umweltschutz und Menschenrechten werben. Bei den meisten Konzernen sind Indigene jedoch kaum ein Thema. Shell hat zwar sogenannte ´business princip-lesª erarbeitet, in welchen die Wahrung der Menschenrechte zum Ziel gesetzt wird. Dies hindert Shell jedoch nicht daran, in Länder zu investieren, in welchen Menschenrechte durch die Regierung verletzt werden.

Mit den Jahren entwickelten die Ölkonzerne erfolgreiche Strategien, mit welchen sie dem indigenen Widerstand begegnen: Eines dieser häufig erfolgreichen Mittel, das beispielsweise auch Shell in Nigeria anwandte, ist die obengenannte Spaltungsstrategie. Einzelne traditionelle FührerInnen oder einzelne Lokalgemein-schaften werden mit Geschenken bedacht. Nur in wenigen Fällen bieten die Konzerne der breiteren Lokalbevölke-rung Arbeitsplätze an, und wenn, dann meist nur temporär. Die Konzerne versuchen auf diese Weise, mit kleinen Geschenken, die sie den einzelnen Dörfern oder Siedlungsgruppen anbieten (bis hinunter auf die Familienebene), die Bewilligung für ein ganzes indigenes Gebiet zu erhalten. Die indigenen Organisationen werden oftmals ausgeschlossen, da diese umfassendere Forderung stellen.

In vielen Fällen — besonders dort, wo die Konzerne aufgrund staatlicher Gesetze und/oder starker indigener Interessenvertretungen auf Widerstand stossen — kommen die Konzerne nicht um Kom-pensationszahlungen herum. Diese fallen allerdings meist nur gering aus und landen oft in den Taschen einzelner (Papua-Neuguinea, Ecuador, Peru, Nigeria, West-Sibirien).

Spielt der Staat im Geschäft mit, hat dies meist negative Auswirkungen für die In-digenen, selbst wenn diese an den Projekten beteiligt werden: In Papua-Neuguinea beispielsweise versucht die Re- gierung, zwischen den Konzernen und den organisierten Landbesitzern zu vermitteln, mit dem Ziel, dass auch der Staat wie die Landbesitzer Anteile von den Konzernen erhalten. Dies führte teilweise in eine grosse Abhängigkeit des Staates vom Rohstoffabbau, weshalb die an sich strengen Umweltbestimmungen kaum kontrolliert werden. Auch in Venezuela, wo die übergeordnete staatliche Erdölgesellschaft PDVSA (Petroleós de Venezuela Sociedad Anónima) und ihre Tochterfirmen immer mehr in Joint-ventures mit multinationalen Konzernen zusammenarbeitet, müssen letztere nur mit wenigen Einschränkungen rechnen: Grosse Teile der indigenen Gebiete gelten als freies Land (tierras baldias), den Indigenen ist es fast unmöglich, dort zu Land zu kommen. Viele Gebiete, in welchen Indigene leben, werden zudem zu Naturschutzparks erklärt, so dass der Bodenerwerb dort verunmöglicht wird — während der venezolanische Staat dort durchaus weiter Öl fördern darf.

Besserung in Sicht?

Einige Konzerne, darunter auch Shell in Peru (Camisea-Projekt), versuchen aufgrund der zunehmenden Sensibilität der Zivilgesellschaft und aufgrund des Drucks der indigenen Organisationen einen sogenannten stakeholder-Dialog mit allen interessierten und beteiligen Gruppen zu führen. Shell hat in Camisea tatsächlich ein umwelt- und menschenrechtskonformeres Vorgehen gezeigt als beispielsweise in Nigeria. Die indigenen Gruppen wurden am Diskussionsprozess beteiligt und auf ihre Forderungen und Bedenken wurde stärker eingetreten als in anderen Fällen. Diese Rücksichtnahme lässt sich aber nur mit dem Druck, der auf dem Konzern lastete, erklären.4 Solche Dialoge finden jedoch immer in einem machtspezifischen Ungleichgewicht statt und werden aufgrund der massiven kulturellen Unterschiede, die aufeinander prallen, erschwert. Ausserdem: Auch wenn sich Konzerne nicht nur in den Broschüren und in der Werbung, sondern auch in konkreten Projekten umwelt- und menschenrechtsfreundlich geben, so muss man ihnen dennoch immer auf die Finger schauen: Der US-Konzern Mobile (heute Exxon-Mobile) reichte für eine Konzession im Regenwaldgebiet Madre de Dios in Peru eine bereits für ein anderes Gebiet verwendete Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ein. Dieser Schwindel flog nur deshalb auf, weil Umweltorganisationen die UVP kontrollierten.

Die Konzerne gehen allgemein nach der Regel vor: Möglichst viel Erdöl und Erdgas zu möglichst geringen Kosten fördern. Dieses Kalkül entspricht einer kapitalistischen Rationalität, dabei werden die Folgen — von den ÖkonomInnen verharmlosend ‘Externalisierung sozialer und öko- logischer Kosten’ genannt — in Kauf genommen: Die Erdölförderung verursacht Umweltverschmutzungen und soziokul-turelle Veränderungen, die auf die lokale Bevölkerung abgewälzt werden. Sie bezahlen die Zeche dafür, dass sich andere bereichern. Diese ‘Kosten’ können nur internalisiert werden, wenn die Konzerne von den indigenen Völker und anderen vorhandenen Bevölkerungsgruppen in diesen Gebieten sowie von der westlichen Zivilgesellschaft vertreten durch NGO massiv unter Druck gesetzt werden.




Tobias Haller, Annja Blöchlinger, Markus John, Esther Marthaler und Sabine Ziegler: Fossile Ressourcen, Erdölkonzerne und indigene Völker (ca. 500 Seiten mit zahlreichen Abbildungen: ISBN 3-88349-481-X) erscheint demnächst

ªFossile Ressourcen, Erdölkonzerne und indigene Völker´ geht auf das Thema Erdölförderung ein, das bei uns am anderen Ende der Pipeline behandelt wird. Automobil- und Flugverkehr, Heizungen und die Verbrennung petrochemischen Verpackungsmaterials gelten als mögliche Hauptverursacher der globalen Erwärmung der Erdatmosphäre und des Klimawandels. Dabei geht oft die Frage unter, woher denn Erdöl und Erdgas kommen, und welche Umwelt- und Menschenrechtsprobleme bei der Förderung vor Ort entstehen. Bei indigenen Unterstützungsorganisationen und in Umweltgruppen ist das Erdölthema jedoch nicht neu. Die verschmutzten Regenwälder im Oriente Ecuadors, die Zerstörung des Nigerdeltas in Nigeria und die Verseuchung der Tundra und Taiga in Westsibirien sind bekannt. Die Weltöffentlichkeit nahm aber erst mit dem friedlichen Widerstand der Ogoni und der Ermordung Ken Saro-Wiwas durch die nigerianische Regierung Anteil an den Problemen, die Erdölkonzerne bei indigenen Völkern verursachen.

Wie reagieren die indigenen Völker auf diese Zerstörung ihrer Umwelt und welches sind wiederum die Strategien der Konzerne im Umgang mit den indigenen Völkern?

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit Studierenden des Ethnologischen Seminars der Universität Zürich (Florian Stammler, Ursina Maurer, Trix Flückiger, Ulises Rozas u.v.a.) verfasst.

Institut für Ökologie und Aktions Ethnologie (infoe Schweiz) Freiensteinstr. 5, 8032 Zürich, ++41 1 634 48 25, infoe@ethno.unizh.ch


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