Es war das Grundanliegen der Entwicklungspolitik nach 1945, durch handfeste internationale Solidarität und nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit Armut und Verelendung in weiten Teilen des Südens zu bekämpfen und dadurch zu einer gerechten Weltordnung beizutragen. Entwicklungspolitik wurde als eigentliche Friedensarbeit definiert, die die sozialen Ursachen von gewaltsamen Konflikten um Ressourcen zwischen wie innerhalb von Staaten angehen wollte. Auch die schweizerischen Entwicklungshilfeorganisationen wie Helvetas oder Caritas konzentrierten sich jahrzehntelang auf nachhaltige friedensbildende Aufbauarbeit in Krisenregionen. Die 90er Jahre haben dieses Selbstverständnis jedoch grundlegend angeknackst. In einem diesen Frühling verabschiedeten Positionspapier der Caritas Schweiz heisst es ziemlich brutal: "Die international tätigen Hilfsorganisationen müssen zur Kenntnis nehmen, dass ihr langjähriges Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit viele Regionen des Südens nicht vor der gewaltsamen Eskalation innerstaatlicher Konflikte bewahrt hat. In den Neunzigerjahren wurden in vielen Ländern innert Kürze die erzielten Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte zerstört. Eine weitere Folge davon war die relative Zunahme der humanitären Hilfe gegenüber der Entwicklungszusammenarbeit."
Das von Thomas Gass und Geert van Dok verfasste Papier1 verweist auf den Schock, den der Völkermord 1994 in Ruanda mit über einer Million Toten und den unabsehbaren Auswirkungen auf die ganze Region oder der äthiopisch-eritreische Grenz-Stellungskrieg der letzten beiden Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit ausgelöst hat. Alles Länder, in denen Caritas hochinteressante Entwicklungsprojekte förderte. Diese humanitären Katastrophen zwangen Caritas dazu, die Frage nach Ursachen und Wirkung von Gewalt und Krieg neu zu formulieren. Die Autoren analysieren in kurzen Kapiteln die Wurzeln gewaltsamer Konflikte seit den 90er-Jahren und kommen zum Schluss, dass "das Ende des Kalten Krieges, das historische Erbe des Kolonialismus, das Krisenpotenzial von Armut und wirtschaftlicher Globalisierung, der Kampf um natürliche Ressourcen die dominierenden globalen Herausforderungen im Verlaufe der Neunzigerjahre waren. Gerade die Staaten des Süden und Ostens hatten sich damit auseinander zu setzen. Manche scheiterten an deren Bewältigung. Unter wechselseitiger Beeinflussung und in Kombination mit Gewalt auslösenden Faktoren können sie rückblickend als Wurzeln gewaltsamer Konflikte bezeichnet werden."
Caritas warnt aber ausdrücklich davor, dass "eine Analyse der Wurzeln gesellschaftlicher Konflikte nicht hinreichend ist. Sie vermag wenig auszusagen über die Frage, weshalb gesellschaftliche Interessengegensätze in einem Fall gewaltlos bearbeitet werden und im andern Fall zu bewaffneten Konflikten eskalieren." Als Beispiele werden Tschechien und die Slowakei oder die baltischen Staaten genannt, die nicht in solche gewaltsame Transformationskonflikte hineingezogen wurden. Es wird auch gefragt, welche gesellschaftlichen Regulationsmodi Tansania oder Malaysia vor der gewaltsamen Eskalaktion sozialer Konflikte bewahrt haben. Auch die "weit verbreitete Annahme, zwischen Armut und gewaltsamen Konflikten bestünde ein ursächlicher Zusammenhang, hält einer Überprüfung nicht stand. Würde, wer arm ist, automatisch zu den Waffen greifen, die Welt stünde in Flammen." Als wesentliches Element einer stabilen Gesellschaft wird jedoch "good governance" betrachtet: Wenn in vielen Ländern des Südens nicht nur die sozialen Kernaufgaben des Staates, sondern auch das staatliche Gewaltmonopol in Frage gestellt ist, bildet das den idealen Nährboden für KriegstreiberInnen.
Positionspapiere irgendwelcher Organisationen gehören in der Regel ins Regal, um bestenfalls mal konsultiert zu werden. Das vorliegende Caritas-Papier gehört nicht dahin, sondern gelesen. Es gibt auf knappem Raum einen Überblick über die aktuellen Fragestellungen der Friedens- und Entwicklungspolitik, ergänzt mit informativen Beispielen aus ihrer Arbeit in Konfliktregionen. Caritas hat zudem eine Reihe von Konsequenzen gezogen, in ihren neuen Leitlinien bekennt sie sich zum Ausbau von strategischen Allianzen für den Frieden (nichtstaatliche Diplomatie in Krisengebieten) und breitet eine Palette zivilen Engagements aus. Gleichzeitig warnt sie aber auch vor einer zunehmenden Militarisierung internationaler Hilfsleistungen und fordert eine kohärente schweizerische Friedenspolitik.
1 Allianzen für den Frieden. Positionspapier von Caritas Schweiz zu Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und Friedensförderung in der internationalen Zusammenarbeit. Verfasst von Thomas Gass und Geert van Dok, 176 Seiten, Caritas Verlag, Luzern 2000. Zu beziehen bei: Caritas Schweiz, Bereich Kommunikation, Löwenstr. 3, 6002 Luzern, Tel. 041/419 22 22, www.caritas.chHeute sind wieder viele von der Notwendigkeit des Einsatzes von Waffengewalt überzeugt. Auch die, von denen man es am wenigsten erwartete, waren plötzlich mit der Nato einig, dass man Milosevic nur mit Bomben beikommen könne. Die Tradition der Gewaltlosigkeit und der Friedensarbeit läuft Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Dies ist der Ausgangspunkt für das Gespräch, das Heinrich Frei mit dem Friedensaktivisten Ueli Wildberger geführt hat.
"Aktive, gewaltfreie Konfliktlösung". Interview mit Ueli Wildberger. Broschüre, ca. 72 Seiten, Fr. 12.. Erscheint im August 2000. Vorbestellung bei: Heinrich Frei, Breitenlooweg 7, 8047 Zürich.
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