Die Gemeinschaft Sant' Egidio und ihr Friedensschaffen

Seit einigen Jahren tritt die römische Gemeinschaft Sant' Egidio mit spektakulären Friedensvermittlungen an die Öffentlichkeit. Zuletzt etwa, als sie in Rom den algerischen Oppositionsparteien ein Gesprächsforum einrichtete. Christoph Albrecht zeigt am Beispiel des Friedensprozesses in Mosambik die Arbeitsweise der katholischen Laienorganisation auf.

Von Christoph Albrecht*

Trotz der Erfolge und des mittlerweile weltweiten Ansehens wehrt sich Sant' Egidio gegen den Vorwurf, ein "Ministerium für internationale Beziehungen" geworden zu sein, sondern bleibt beim seit Beginn eingeschlagenen Weg: dem Leben nach dem Evangelium. Mut, Kraft und Flair zur Befriedung von Konflikten zieht die Gemeinschaft aus dem Vertrauen in das Wort Gottes. So geschehen vor zehn Jahren in Mosambik, wo während vieler Jahre ein schrecklicher Bürgerkrieg wütete. Im folgenden sei auf die Schritte des dortigen Friedensprozesses nochmals zurückgeblickt, an dem Sant' Egidio massgeblich beteiligt war. Um jedoch die Friedensarbeit der Gemeinschaft zu verstehen, muss man zuerst ihren Geist verstehen.

Der Geist von Sant' Egidio

In einem Interview zweier französischer Journalisten mit dem Gründer der Gemeinschaft Sant' Egidio, Andrea Riccardi, spricht dieser von der Notwendigkeit, von der Existenz zur Geschichte zu gelangen. Diese Transzendenz in zuerst ganz weltlichem Sinne beweist die Gemeinschaft seit über dreissig Jahren eindrücklich. Hinter einem Engagement, das seit Jahrzehnten den Armen Roms und seit gut zwei Dekaden vielen Armen der ganzen Welt zukommt, steht das erste Werk der Gemeinschaft: das tägliche Gebet. Verharrt man diesem Faktum gegenüber blind, tangiert man mit Sicherheit nur das Wesen eines katholischen Laienordens, der sich über die Freundschaft mit den Armen gänzlich dem Frieden verschrieben hat. Die Friedenskraft, die in weiser Handhabe wohl allen Religionen inneliegt, entspringt keiner Ethik und schon gar nicht einer bigotten Sinnlichkeit, sondern, wie dies Leonhard Ragaz in anderem Zusammenhang unnachahmlich dargelegt hat, aus "Gottes stets lebendigem, stets unmittelbar und lebendig aus seiner Heiligkeit und Liebe kommenden Willen".

So berichtete kürzlich Alessandro Zuccari, Mitglied der Gemeinschaft seit den Anfängen, am Congresso delle Scuole del Vangelo in Ciampino, dass ihn eine Journalistin nach den erfolgreichen Friedensverhandlungen mit den mosambikanischen Kriegsparteien gefragt hat, wann und wie die Gemeinschaft denn beschlossen habe, von der Nächstenliebe und dem Dienst an den Armen in die internationale Diplomatie zu wechseln. Dies sei eine Täuschung, habe er ihr gesagt: Sant' Egidio habe ihr Tun nur ausgeweitet auf entferntere Gebiete als die Peripherie Roms oder Neapels. Dies aufgrund der fundamentalen Einsicht, dass der Krieg die Mutter aller Armut ist und alle ärmer macht, auch die Reichen. Und in appellativer Rede fügt er hinzu: "Die verachtetsten und von der Wirtschaft am gröbsten vernachlässigten, also ökonomisch uninteressantesten Länder müssen am meisten geliebt werden."

In den Vereinsstatuten der Gemeinschaft, die im übrigen vom Päpstlichen Rat für Laien anerkannt ist als "öffentlicher Verein von Gläubigen", findet sich die grundlegende Passage, dass sich das Wort Jesu auf das je einzelne Leben beziehen muss.

Mosambik und die "Italienische Formel"

Am Tage des heiligen Franziskus, dem 4. Oktober 1992, unterschrieben in den ehemals klösterlichen Gebäuden der Comunità Sant' Egidio in Rom nach 27-monatigen Verhandlungen der Präsident von Mosambik, Joaquim Chissano, und der Anführer der regierungsfeindlichen Guerilla, Alfonso Dhlakama, die Friedensvereinbarung für Mosambik, die dem über fünfzehnjährigen Krieg zwischen der Armee, der Frelimo und den Kämpfern der Renamo ein Ende setzte. Dieser Übereinkunft beendete ein überaus brutales Kriegstreiben, das über eine Million Todesopfer gefordert und zwei Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht hatte, und führte das gespaltene Mosambik in ein geeintes demokratisches Land mit rechtsstaatlichen Strukturen.

Voraus gegangen war eine ungewöhnliche Vermittlungstätigkeit, initiiert von einem "unlikely team of mediation brokers", wie die Washington Post nach Abschluss der Verhandlungen etwas vorsichtig und ungläubig feststellte. Boutros Boutros-Ghali sagte 1993 über die Methode der Friedensvermittlung von Sant' Egidio: "Die Gemeinschaft von Sant' Egidio entwickelte Techniken, die sich von den Techniken der professionellen Friedensvermittler unterscheiden, diese aber auch ergänzen. In Mosambik arbeitete die Gemeinschaft über Jahre hinweg in diskreter Weise dafür, dass sich die beiden gegnerischen Parteien begegnen. Sie nutzte dazu ihre Kontakte. Als besonders wirkungsvoll erwies sich ihre Fähigkeit, bei der Suche nach Lösungen andere miteinzubeziehen. Sie benutzte ihre eigenen Techniken, die man als diskret und informell charakterisieren kann und die gleichzeitig mit der offiziellen Tätigkeit der Regierungen und der internationalen Organisationen ein harmonisches Zusammenspiel ergeben. Ausgehend von der Erfahrung in Mosambik wurde der Begriff ‚Italienische Formel' geprägt, um diese Mischung aus regierungsabhängigem und regierungsunabhängigem Engagement für den Frieden zu bezeichnen, die in ihrer Art einzigartig ist."

Am Anfang standen Freundschaften

Es drängt sich nun natürlich die Frage auf, wie denn Sant' Egidio überhaupt auf die Idee kam, sich eines solchen Landes anzunehmen und warum gerade Mosambik. In einem Interview erklärt mir Cesare Zucconi, langjähriges Mitglied von Sant' Egidio, dass die Parteinahme für dieses Land keinem abstrakten Willensakt entstammte, sondern sich in erster Linie über die Anteilnahme an der grossen Betroffenheit mosambikanischer Freunde formierte, die die beklemmende Situation ihres Heimatlandes schilderten. Allen voran war dies der Bischof von Beira, Jaime Gonçalves, der in Sant' Egidio über die dramatische Lage seines Landes berichtete.

Die ehemals stärkste Unabhängigkeitsorganisation Frelimo (Frente de libertaçao de Moçambique) und auch einzige Regierungspartei seit der Unabhängigkeit von 1975 hatte die Loslösung von Portugal mit einer sozialistischen Revolution gleichgesetzt, worauf sich in der Bevölkerung breiter Widerstand regte, der sich bereits 1976 in der militanten Guerillabewegung Renamo kanalisierte. Durch den aufkommenden Bürgerkrieg verschlechterte sich in erster Linie die Lage der Bevölkerung, die unter den grausamen Übergriffen beider Lager unsäglich litt. Bischof Gonçalves rief seine italienischen Freunde auf, angesichts der wachsenden Hungersnot, die Dürre und Krieg verursacht hatten, humanitäre Hilfe nach Mosambik zu senden.

Die Hilfsaktionen Sant' Egidios begannen im Sommer 1984 mit ersten Lebens- und Arztneimitteltransporten per Flugzeug und Schiff. Auf Anregung der Gemeinschaft trafen sich gleichzeitig auch Vertreter der Regierung Maputos und Vertreter des Heiligen Stuhls, um sich über allfällige Annäherungen auszutauschen, wurde die katholische Kirche in Mosambik doch als Überbleibsel des Kolonialismus gewertet und deshalb stark unterdrückt.

Kernproblem Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg aber ging unvermindert weiter. Massaker und Greueltaten gehörten zum kriegerischen Alltag. Die in den andauernd grausamer werdenden Kämpfen erstickte humanitäre Hilfe brachte Sant' Egidio zur Einsicht, dass das Kernproblem des inzwischen ärmsten Landes im Bürgerkrieg lag, der das ganze Land lähmte. Ein Dialog aber schien aussichtslos, da die Frelimo die Renamo als einen Haufen von Südafrika und der internationalen Reaktion unterstützten, bewaffneten Banditen betrachtete, die als politischer Gesprächspartner inakzeptabel waren. Verschiedene kirchliche und internationale Friedesappelle an die kriegführenden Parteien hatten keine Wirkung, was die Resignation der MosambikanerInnen vergrösserte. In der internationalen Gemeinschaft herrschte Ratlosigkeit, wie man eine Befriedung herbeiführen sollte. Inzwischen aber deutete sich in den Reihen der Frelimo ein Kurswechsel an.

Nach dieser friedensversprechenden Entwicklung galt es , die nicht nur in Mosambik diskreditierte Renamo, über die weitgehend nur Gerüchte und keine realen Berichte existierten, aufzusuchen und für einen Dialog zu verpflichten. Sant' Egidio und Don Jaime teilten die Ansicht Maputos nicht, dass es sich bei der Renamo nur um Banditen handelte, die man nur kriegerisch besiegen konnte. Zumal die "Banditen" mehr als die Hälfte des Landes unter ihrer Kontrolle hatten und eine Fortsetzung des Bürgerkrieges keine Lösung versprach. Sant' Egidio nahm mit dem glaubwürdigsten Teil der Renamo im Ausland Kontakt auf, um an die im unwirtlichen und nur schwer erreichbaren Dschungel beheimatete Führungsspitze der Guerilla zu gelangen. Ein Besuch von Don Jaime im Hauptquartier der Renamo, führte zur ersten Kontaktaufnahme mit der Opposition, die in einer zweistündigen Unterredung beteuerte, Frieden und Wahlen zu wünschen.

Die verschiedenen Gespräche mündeten schliesslich im Vorschlag der Renamo an die Frelimo, mit Hilfe Kenias über einen möglichen Frieden zu verhandeln. Die in Nairobi 1989 ausgetragenen Friedensgespräche scheitertetn unter anderem auch an der Schwäche der Vermittler, die zu den Verhandelnden in keinem neutralen Verhältnis standen.

Nach Abbruch der Gespräche forderte Sant' Egidio den Rebellenführer Dhlakama auf, nach Rom zu kommen. Dieser vertraute vor allem in Don Jaime, da er als erster gewagt hatte, ihn in den Urwäldern aufzusuchen, und wegen dessen grosser moralischer Integrität. Auch Teile der Regierung Mosambiks drängten nun nach Rom, da ihres Erachtens nur Sant' Egidio über genaue Kenntnis der Lage verfügte und das erforderliche neutrale Klima garantieren konnte. Die italienische Regierung lieferte die notwendigen Sicherheitsvoraussetzungen. Das Treffen zwischen der Frelimo-Regierung und der Renamo in Rom im Juli 1990 war der erste offizielle Kontakt zwischen den beiden Feinden.

Zwei Jahre harter Verhandlungen

Der Stil der Vermittlungsbemühungen zeichnete sich aus durch Zurückhaltung, Geduld, Einfühlungsvermögen und Unterstützung und eben nicht wie so oft in solchen Situationen durch das Aufdrängen patenter Lösungen. Schon bald verringerte das von Riccardi vorgeschlagene Arbeitsmotto "Bemühen wir uns, das zu suchen, was verbindet, nicht das, was entzweit" das tiefe Misstrauen zwischen den Parteien und förderte die grossen Gemeinsamkeiten zutage.

Es folgten zwei Jahre härtester Verhandlungen, die immer von neuem durch die schwierigen Umstände zu scheitern drohten. Die Frelimo zielte auf einen Waffenstillstand und den politischen Status Quo, die Renamo hingegen auf das Akzeptiertsein als politische Kraft und auf eine umfassende Verfassungsreform. Nicht selten endeten deshalb die Gespräche in einem Klima heftiger Meinungsverschiedenheiten. Nur die Weisheit und Umsicht der vier Vermittler – Mario Raffaelli als Vertreter der italienischen Regierung, Bischof Gonçalves sowie Andrea Riccardi und Matteo Zuppi von Sant' Egidio (s. Foto) – vermochten einen Abbruch der Verhandlungen zu verhindern. Sie reagierten mit dem Verfassen einer Präambel, um die Parteien zu essentiellen Zusagen zu bewegen, und zogen bei militärpolitischen Fragen Militärexperten des amerikanischen Aussenministeriums heran. Auch andere Staaten und Institutionen wurden bei Bedarf in den Friedensprozess mit einbezogen. Kenia besorgte Reisepässe für die Renamo, die italienische Regierung stellte das Geld für die Reisekosten bereit, Wohlfahrtsverbände wie das Internationale Rote Kreuz, die Vertretungen der UNO und Organisationen von Ehrenamtlichen legten den Parteien ständig dar, dass nur der Frieden die tragische Situation des mosambikanischen Volkes beenden könne. Die USA, Grossbritannien, Frankreich und Portugal genossen ab einem gewissen Zeitpunkt Beobachterstatus und dienten damit als Garanten des Friedensprozesses.

Cesare Zucconi spricht von einem synergetischen Vorgehen, das alle zur Verfügung stehenden Friedenskräfte mit einbezog. Schliesslich fand dadurch die römische Lösung internationalen Konsens. 1992 forderten zudem Hunderttausende von Briefen und Karten, die Menschen aus allen Teilen der Welt nach Sant' Egidio sandten, die Delegationen auf, das Allgemeine Friedensabkommen zu unterschreiben. Der heimliche Aufruf und der internationale Konsens, ja das globale Interesse an einem Frieden in Mosambik machten grossen Eindruck auf die Delegationen. Nach der Unterzeichnung übergaben die Vermittler die gesamte Verantwortung an die internationalen Garanten des Abkommens, das heisst an die UNO; diese sollten dessen Einhaltung bis zu den Wahlen und der endgültigen Befriedung überwachen.

Entscheidend war das Vertrauen

Der erreichte Frieden kam einem Wunder gleich. Eine 1968 von Gymnasiasten gegründete Bewegung hatte es zustande gebracht, einen Bürgerkrieg zu beenden und ein Land in die Demokratie zu führen. Oder wie Riccardi es ausdrückt: "Die Zivilbevölkerung wünscht sich fast immer unter allen Umständen den Frieden. Unsere Funktion bestand darin, den Willen des Volkes in konkrete Bahnen zu lenken."

Entscheidend wohl war das Vertrauen beider Parteien und auch des mosambikanischen Volkes in die Gemeinschaft, der abgenommen wurde, dass sie mit ihren Vermittlungsbemühungen keine Nebenabsichten und Eigeninteressen verfolgte, sondern sich ausschliesslich von der Frage leiten liess, was dem Frieden in diesem Land dienlich sein könnte. Das weltweitgespannte Netz persönlicher Beziehungen und vor allem auch von Freundschaften im Kriegsland selbst sowie die von Anfang an angestrebte Kooperation mit staatlichen und kirchlichen Institutionen förderte allzeit den Fortgang des Friedensprozesses. Die wichtigsten Waffen der Gemeinschaft aber waren, so Cesare Zucconi, der geduldige Dialog und die aus dem Gebet genährte Anstrengung, die Menschen beider Seiten auch zu verstehen und ihnen kein erdachtes Friedensmodell aufzustülpen. Der Christ des 3. Jahrtausends, so Riccardi, ist der Mensch des Friedens, arglos wie die Taube und schlau wie die Schlange.

*Christoph Albrecht ist Germanist und Historiker und lebt in St. Gallen.

Das Friedensengagement Sant' Egidios

Die Gemeinschaft Sant' Egidio hat nicht nur in Mosambik erfolgreich zum Friedensprozess beigetragen, sondern auch in verschiedenen anderen Konflikten:

• Libanon (1982): Vertrag über den Schutz der Christen im Schuf-Gebirge und Beendigung der Belagerung Deir alChamar durch die Drusen

• Albanien (1987): Einigung über internationale Wahlbeobachtung

• Mosambik (1989-1992): Abschluss eines Friedensvertrages

• Algerien (1995): Verabschiedung der "Plattform von Rom" durch alle politischen Gruppierungen (nicht aber durch die algerische Regierung)

• Guatemala (1996): Vermittlung bei der Wiederaufnahme der Gespräche zwischen Guerilla und Staatspräsident

• Kosov@ (1996-1998): Verhandlungen mit Serbien über die Wiedereröffnung von Bildungseinrichtungen

• Kongo (1999): Sondierungen für einen "nationalen Dialog"

• Burundi (1997-2000): Teilnahme an den Friedensverhandlungen von Arusha

1999 erhielt die Gemeinschaft Sant' Egidio für ihr Friedensengagement von der Unesco den Félix-Houphouët-Boigny-Preis verliehen.


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