Manipulationen und Fälschungen

Von Ignacio Ramonet*

Ein (…) Vorwurf, den sich die Medien gefallen lassen müssen, lautet, sie würden immer nur das Spektakuläre an einem Ereignis suchen und nur den Sensationen nachjagen, ein Gebaren, das leicht zu Fehlleistungen und — wie man in Frankreich sagt — "bidonnages" (Betrügereien) führen kann. "Bidonner", schreibt die Journalistin Annick Cojean, "heisst in der Journalistensprache betrügen; eine Recherche fälschen, um ihr eine Aussagekraft, einen spektakulären Aspekt oder einen Ausgang zu geben, die sie vielleicht nicht hätte; eine Reportage manipulieren, indem man gewisse Elemente entstellt; eine Situation als Realität hinstellen, die der Fantasie des Journalisten entspringt und auf Schätzungen und nicht überprüften Beobachtungen beruht."1 In der Massenkommunikation hat es diese Manipulationen und Lügen immer schon gegeben2, doch werden es heute immer mehr. Wer erinnert sich nicht an die spannenden Berichte über den Krieg in Kambodscha zwischen Vietnamesn und Roten Khmer, die der 24-jährige Reporter Christoph Jones in höchst packender und aufregender Manier geschrieben hatte und die 1981 in der New York Times veröffentlicht wurden - und die sich als komplette Fälschungen erwiesen. Der brillante Journalist hatte sie, ohne je an Ort und Stelle gewesen zu sein, ganz aus der Fantasie heraus geschrieben, während er es sich an seinem Swimmingpool in Marbella (Spanien) wohl sein liess. Er habe "eine Wette abgeschlossen", erklärte er später.

Die berühmteste gefälschte Reportage während des Golfkrieges war jene, in der eine in Tränen aufgelöste junge Krankenschwester aus Kuwait im Detail beschrieb, wie die irakischen Soldaten gleich Barbaren in die Entbindungsstation des Spitals von Kuwait Stadt eindrangen und wie sie sich der Brutkästen bemächtigten, nachdem sie die Säuglinge herausgezerrt hatten, welche dann auf dem Fussboden starben... Alles war gefälscht: Die "Krankenschwester" war die Tochter des Botschafters von Kuwait in Washington, die in den USA studierte, und die Geschichte mit den Brutkästen war von Mike Deaver, einem Kommunikationsberater des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, und Mitarbeitern der amerikanischen PR-Firma Hill und Knowlton im Auftrag des Emirats von A bis Z erfunden worden.

William Randolph Hearst, der amerikanische Pressemagnat, der Orson Welles für seinen "Citizen Kane" als Modell gedient hatte, pflegte seinen Journalisten zu sagen: "Lasst nie zu, dass die Wahrheit euch um eine gute Geschichte bringt."3

So zögerte der Sender CNN nicht, am 7. Juni 1998 in spektakulärer Aufmachung eine Reportage seines berühmtesten Journalisten, Peter Arnett, auszustrahlen, in der behauptet wurde, die US-Army habe zu Beginn der Siebzigerjahre während einer Operation gegen amerikanische Deserteure in Laos das tödliche Gas Sarin angewandt. Eine Woche später übernahm die Wochenzeitschrift Time (im Besitz der gleichen Mediengruppe, Time-Warner) die Reportage und führte die Information weiter aus. Sie sollte sich jedoch als falsch erweisen. Ein Bericht zeigte auf, dass sich Arnett und sein Team auf die zweifelhaften Aussagen von zwei Kriegsveteranen, die teilweise an Amnesie litten, gestützt und die ganze Affäre aufgebauscht hatten; als hätten die Journalisten von Anfang an entschieden, welche Version sie aufgrund ihres Sensationsgehalts bevorzugten.

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Nicht nur die amerikanischen Medien sind den gegenwärtigen Rentabilitätszwängen und dem Konkurrenzdruck zwischen Mediengruppen ausgeliefert, die bewirken, dass Sensationalismus immer häufiger als Mittel eingesetzt wird. Auch Europa hat in der letzten Zeit in Sachen Journalismus Bedenkliches erlebt. In Deutschland zum Beispiel wurde der Fernsehjournalist Michael Born beschuldigt, an die zwanzig Reportagen ganz oder teilweise gefälscht zu haben; dank seiner Talente konnte ein deutscher Sender im Juni 1994 schon am Tag nach dem Attentat in Fethiye (einem Tourismuszentrum in der Türkei) eine Aufsehen erregende Reportage ausstrahlen: Man sah darin einen bis zu den Zähnen bewaffneten, vermummten kurdischen Aktivisten in Begleitung von zwei Kampfgenossen, der der Drehequipe ein Zeichen machte, ihm auf gefährlichen, von der Guerilla kontrollierten Bergpfaden bis zu einer Grotte zu folgen. Dort entdeckte man vier weitere kurdische Freiheitskämpfer, die gerade eine Bombe bastelten — die gleiche, die beim Attentat von Fethiye eingesetzt worden war.

Alles war gefälscht: Die kurdischen Widerstandskämpfer wurden von verkleideten Albanern gespielt, der lange Marsch hatte nur einige Minuten gedauert, die Grotte lag in der Sommerresidenz eines Schweizer Freundes des Journalisten, und Drehort war nicht die Türkei, sondern Griechenland.4

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Nach dem Attentat von Luxor (Ägypten), dem mehrheitlich Schweizer Touristen zum Opfer gefallen waren, zeigte das Deutschschweizer Fernsehen am 17. November 1997 ein Bild des Tempels, vor dem sich das Drama abgespielt hatte, mit einer spektakulären Blutlache auf der Treppe. In Wirklichkeit handelte es sich um eine Wasserpfütze, die mit der Paintbox rot eingefärbt worden war, um dem Ganzen einen dramatischen Anstrich zu verleihen und das Bild realistischer erscheinen zu lassen.

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In Bosnien schlug am 5. Februar 1994 auf dem Markt von Sarajevo unter den Augen der Kameras eine Granate ein und tötete 68 Menschen. Die westlichen Medien klagten umgehend die Serben an, ohne das Ergebnis der Untersuchung abzuwarten. Am 9. Februar stellte die NATO den Serben unter dem Druck der Öffentlichkeit, die sich an der Medienhetze entzündet hatte, ein Ultimatum und begann mit der Bombardierung der serbischen Stellungen. Die Untersuchungen haben nie zu einem Ergebnis geführt, doch zahlreiche Anhaltspunkte scheinen darauf hinzudeuten, das es sich eher um eine "fehlgeleitete" Granate der Muslime gehandelt hatte.

Im Kosovo entdeckte man im Oktober 1998 Massengräber. Wieder sahen zahlreiche westliche Medien in ihnen sogleich den Beweis für ein von den Serben verübtes Massaker an Albanern. Der militärische Druck auf Belgrad nahm zu. Die gerichtsmedizinische Untersuchung indessen ergab, dass es sich vermutlich um Leichen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges handelte...

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1 Annick Cojean, "Choc des images, poids des trucages", Le monde, 25. Juli 1990
2 In seinen "Lettres à Madeleine", 1914-1918 (Paris, Stock, 1998), die in den Schützengräben entstanden sind, hat schon Henri Fauconnier, 1930 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, geschrieben: "8. August. Ich glaube, die Zeitungen haben mein Ideal zerstört. Sie strotzen vor Lügen, vor heuchlerischen Lobgesängen auf uns, vor Artikeln, deren Dummheit und Geschmacklosigkeit einen schmerzen. Und sie sprechen im Namen Frankreichs… (Sie bringen es noch fertig, dass man Frankreich hasst!) Und dringt bei ihnen bisweilen ein Schimmer von Wahrheit oder gesundem Menschenverstand durch, streicht es die Zensur geschwind. Die grossen Tageszeitungen haben uns den Krieg verleidet — als ob es das noch gebraucht hätte!"
3 Vgl. Manuel Leguineche, "Yo pondré la guerra. Cuba 1898: la primera guerra que se inventò la prensa", Madrid, El Pais-Aguilar, 1998
4 La repubblica, 10. Februar 1998
*Die Beispiele sind dem Buch "Die Kommunikationsfalle. Macht und Mythos der Medien", erschienen im Rotpunktverlag, entnommen.

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