Die politische Blitzstarterin

Sie trägt immer schwarz, ist aber kein Kind von Traurigkeit und erst recht kein Grufti. Im Gegenteil. Die dunkle Kleidung und das dunkle Haar betonen ihr strahlendes Gesicht und ihre leuchtenden Augen. Man spürt, dass hinter ihrem ruhigen, fast zurückhaltenden Auftreten grosse Energie und Lebensfreude steckt. Valérie Garbani ist mit ihren 34 Jahren ja auch eine junge Nationalrätin, noch voller Initiative und Engagement.

Die Neuenburgerin, seit 1999 für die SP im Nationalrat, ist Mitglied der sicherheitspolitischen Kommission SiK, in der Kampagne für die Umverteilungsinitiative aktiv und jetzt auch Exponentin für ein friedenspolitisches Referendum gegen die Teilrevision des Armeegesetzes. Obwohl sie sich selbst als ‚friedenspolitisches Greenhorn' sieht, wirkt sie sehr erfahren, wenn sie über die parlamentarische Friedensarbeit spricht. Sie weiss z.B. genau, wo ihre politischen Möglichkeiten als linke, antimilitaristische Romande liegen – "und als Frau!" betont Valérie. Sie sei aber keineswegs frustriert, "obwohl die Meinung von uns Welschen durch die Deutschschwei-zerInnen oft nicht ernst genommen wird." Wie ist es mit den Männern in der SiK, all den hohen Offizieren? Hört sie, dass sie als Frau vom Militär nichts verstehe? "Ernstgenommen fühle ich mich schon, aber ich glaube nicht, dass sie wirklich hören, was ich sage." Generell meint sie, dass Frauen im Parlament von den ‚Herren' zwar Respekt erhielten, aber frau müsse sich dafür oft wie ein Mann benehmen. "Ich habe dabei gute Chancen, weil ich eine starke Stimme habe", meint Valérie grinsend, "und ich bin es auch gewohnt, vor vielen Leuten zu sprechen." Heute sei sie dazu nicht mehr zu scheu.

Ihre frühere Schüchternheit war es, die sie früher von einem politischen Engagement abgehalten hatte, bevor sie 1996 in die SP eintrat. "Ich kannte als Jugendliche viele politisch aktive Leute, aber ich hatte einfach nicht den Mut, zu sagen: He, ich will mitmachen!" Ein Grund für ihren ‚Spätstart' in der Politik war auch ihre Ausbildung (dafür war es ein Blitzstart, nach einem Jahr war sie bereits im Kantonspar- lament, zwei Jahre später im Nationalrat). Valérie hat sich ihr Studium zur Juristin und Rechtsanwältin selbst verdient, als Sekretärin und als Kellnerin. Ihre Mutter hat die Familie alleine durchgebracht, denn der Vater starb sehr früh. Das harte Leben ihrer Mutter als Arbeiterin und Alleinerziehende war auch der Anstoss dafür, dass sich Valérie heute insbesondere für die Frauenrechte einsetzt. Die Motivation für ihr politisches Engagement – und für die Wahl des Studiums – liegt darin, dass sie etwas gegen Ungerechtigkeiten tun wolle. Hat sie den Idealismus, sich als Anwältin für mehr Gerechtigkeit einsetzen zu können, mit der Zeit nicht verloren? "Nein, ich sehe meinen Beruf immer noch als einen sozialen Beruf an. Gerade im Straf- und Sozialver-sicherungsrecht gibt es viele Fälle, in denen man sich für die Rechte der Betroffenen massiv einsetzen muss."

Dieser Gerechtigkeitssinn und ein gewisser "ésprit de la résistance" sei auch ihre Hauptmotivation in der friedenspolitischen Arbeit. "Wenn wir etwas in dieser Welt verbessern wollen, dann dürfen wir Linken nicht damit aufhören, unsere Positionen klar und deutlich zu äussern!" Sie sei zwar eher per Zufall in die Friedenspolitik hineingerutscht, doch "die friedenspolitischen Positionen haben mir immer entsprochen." Die Arbeit in der SiK habe sie sofort gepackt. "Hier lerne ich jedes Mal sehr viel Neues, nicht nur thematisch. Vor allem lerne ich mit den bürgerlichen Argumenten umzugehen und ihnen zu entgegnen." Insbesondere von Barbara Haering – "die einzige Frau, die in diesem Thema wirklich gehört wird" – habe sie sehr viel profitiert: "Barbara hat ein unerschöpfliches Sachwissen, das frau jederzeit anzapfen darf!"

Schwieriger findet sie es manchmal, mit anderen Grundhaltungen innerhalb der Partei umzugehen. Sie sei aber nicht bereit, nur aus strategischen Gründen von ihren Überzeugungen abzuweichen, weshalb sie auch das Referendum gegen die Teilrevision des Armeegesetzes unterstütze. Wie geht sie damit um, dass die andere Hälfte der SP-Fraktion dieses Anliegen nicht mitträgt? "Nun, über das Referendum wird letztendlich die Basis der Partei befinden. Meine Überzeugung ist es ohnehin, dass die friedenspolitische Arbeit stärker in den Sektionen stattfinden muss; hier will ich vermehrt mit den Basismitgliedern diskutieren, meine Meinung einbringen. Friedenspolitik wird in der Basis nämlich viel zu wenig diskutiert!" So sieht Valérie ihre zukünftige friedenspolitische Arbeit hauptsächlich in den Gesprächen mit SP-Sektionen und anderen Gruppierungen. "Aber nicht nur zum Militärgesetzreferen-dum! Ich engagiere mich ja auch sehr für die Thematik der Asylrechte – auch ein Teil der Friedenspolitik! Ebenso für die Frauenrechte, zum Beispiel gegen die Abschaffung oder Kürzung der Witwenrente!" Die aktive Neuenburgerin wird also auch in den folgenden Monaten in der Öffentlichkeit präsent sein. Was tut sie, wenn sie gerade mal nicht arbeitet? Hier hat wohl ihre Kellnerinnen-Zeit Spuren hinterlassen, denn Valérie Garbani liebt es, abends in ‚ihrem' Neuchâtel in Bistros oder Beizen zu gehen und FreundInnen zu treffen – am liebsten per Zufall. "Ich liebe den Zufall" schwärmt sie.

P.S. Valérie Garbani trägt immer schwarz, weil sie es hasst, Kleider zu kaufen. Auch habe sie als Morgenmuffel damit das ‚tägliche Anziehproblem' nicht. Als Anwältin sei frau mit schwarz zudem immer richtig gekleidet. Zumindest hier lässt sie es nicht auf Zufälle ankommen.

(mr)

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