Kolumne
SprachGEWALTig
Von Gusti Pollak
Wörter (und Bilder) schaffen Fakten
und setzen Ansichten durch. Sicher
kein Zufall, dass diese Tatsache mit der Berichterstattung von CNN im Golfkrieg
endgültig ins allgemeine Bewusstsein gestrahlt wurde. Ganz allgemein:
Berieselung aus einer Quelle statt Kommunikation zwischen gleichberechtigten
Parteien wird die Gräben meistens vertiefen.
Ein Stück davon wurde mir schon vor
Jahren bei einem halbjährigen
Aufenthalt in Wien bewusst, und
zwar im Kino. Die gnadenlose deutsche Synchronisation von allem und jedem («Casablanca» mit einem
deutsch näselnden Humphrey Bogart)
schafft eine Distanz oder fehlende Nähe zwischen Kulturen, welche
einiges erklärt. Vielleicht war es etwas jugendliche Übertreibung,
aber beim österreichischen TV-Werbespruch für die Lancierung einer
Nuss-Schokolade dachte ich unvermittelt an die Schützengräben im
ersten Weltkrieg: Lautmalerisch originell war der Texter auf den Spruch
«Neu - Noisette»
(sprich «Neu-sett» mit starker Endbetonung, es ist ja
schliesslich französisch) verfallen und dürfte damit bei seinem
Publikum kaum durchgefallen sein.
Ich schreibe diese Kolumne nach der
Rückkehr vom Kinder- und Jugendfilm-Festival «Castellinaria»
in Bellinzona. Neben ausgewählten Kinderfilmen für ein scharenweise
heranströmendes Publikum, an fünf Schultagen zwei- bis dreimal 500 bis 700 Kinder,
wurde auch eine «Retrospettiva» zum Nahostkonflikt gezeigt, mit
Filmen, bei denen ebenfalls Kinder im Zentrum stehen.
Darunter «Promises»
(«Versprechen»), ein neuer Dokumentarfilm von BZ Goldberg, Justine
Shapiro und Carlos Bolado, der den Alltag von jüdischen und
palästinensischen Kindern festhält. Sie leben keine 20 Kilometer,
aber Welten von einander entfernt und wachsen auf mit in Gedanken gefassten
Wörtern, die diese geistige Entfernung von allem Anfang an und in fataler
Weise zementieren.
Goldberg, selber in Israel
aufgewachsener amerikanischer Jude, bringt es zwar fertig, einige der Kinder im
palästinensischen Flüchtlingslager für einen Nachmittag
zusammenzubringen. Aber Nach-Interviews ein bis zwei Jahre später zeigen,
dass Gleichgültigkeit, Vorurteile und näher liegende Sorgen der Jugendlichen vieles wieder im
Wüstensand zerrinnen liessen. Unverrückbar im Gedächtnis bleiben
die Wörter aus Koran und
Thorarollen und die Hass-Tiraden an Demos, mit denen das eigene Recht und das
fremde Unrecht bewiesen werden. Nur die Toten von Intifada und Holocaust
sprechen nicht mehr.
Aber auch diese Kolumne besteht nur aus
Wörtern. Und die Gedanken hängen der Frage nach, was wir anders und
wie wir es tun könnten.
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