Kolumne
Die UNO-Abstimmung steht bevor, und die Emotionen gehen hoch. Die Bandbreite geht vom solidarischen Nachvollzug der globalisierten Beziehungen bis zur Selbstbehauptung einer Schweizer Identität mit Karikaturen aus dem 2. Weltkrieg. Ein Abstimmungskampf, der die Rätsel der Volksseele wohl auch nicht lüften und die Brüche in unserer Gesellschaft nicht beseitigen wird.
Lässt sich die Sehnsucht nach Identifikation, Wir-Gefühl und Stärke und das geltend Machen von heimatlicher Geborgenheit überhaupt beschreiben? (Von Geborgenheit als wichtigem Gut sprach übrigens auch Astrid Lindgren.) Höchstens in Beispielen: Mich fasziniert trotz allem der Sport und dieser Dunst von Fahnen, Hymnen und Medaillen, der uns gerade jetzt wieder umweht.
Beispiel Fussball-Nationalmannschaft: der eigentliche Hort des Wir-Gefühls. Dort, wo wir es auch den Grossen dieser Welt zeigen können, wenn es so Gott will so läuft, wie wir es uns erträumen. Dort, wo die grossen Gefühle immer noch erhofft und gelebt werden können.
Auch wenn der Fussball als Wirtschaftsfaktor die Realität der Globalisierung längst nachvollzogen hat: Die Schweizer Nationalmannschaft besteht meistens mehrheitlich aus Ausländern der zweiten Generation, und etliche von ihnen sind erst dazu gestossen, als sie die Hoffnung aufgaben, in der Nationalmannschaft ihres Herkunftslandes Unterschlupf zu finden
Identifikation mit wem also ? "Kubi" Türkiylmaz, der gefeierte Schweizer Star, hat sich kurz vor Ende seiner Karriere unter diffusen Andeutungen, er ertrage die ständigen Anpöbelungen nicht mehr, aus der Nationalmannschaft zurückgezogen.
Diffus: Die beste Umschreibung dieses Zustandes, ohne zu dessen Klärung etwas beizutragen
Der US-Bestseller "Coca-Cola und Heiliger Krieg", gerade jetzt auch als Taschenbuch herausgekommen, hat schon lange vor dem 11. September prognostiziert, dass die Globalisierung das Identifikationsdefizit der Menschen, das sie selber schafft, nicht ausfüllen wird, ganz im Gegenteil. Die USA tun sich schwer, die Taliban einzuordnen: Nein, eine ehrliche Auseinandersetzung (wie zwischen Nationalmannschaften) war das nicht. Taliban sind nur Mörder und Terroristen, und damit wird verzweifelt behauptet, in einer Armee fänden Mord und Terrorismus nicht statt. Auch nicht im Kampf um globale Machtansprüche.
Cassius Clay, der Grösste (legale Schläger) aller Zeiten und DAS Symbol der Stärke unter dem Sternenbanner, wurde wegen Vietnam-Kriegsdienstverweigerung drei Jahre aus dem Ring verbannt, was seine Karriere knickte und dem Wirtschaftsfaktor Boxsport Milliardenverluste eintrug. Jahrzehnte später wird Mohammed Ali, als Schwarzer und zum Islam Konvertierter, schwer gezeichnet von der Parkinsonschen Krankheit, das Olympische Feuer entzünden, in der Coca-Cola-Stadt Atlanta. Welche Symbolik!
Grossmächte und Machtströmungen verändern zwar die Wirtschaftswelt zügig und nachhaltig, aber die Gefühlswelt der Menschen ist da hartnäckiger. Und dass die Brüche und Widersprüche aus den Geschehnissen zuweilen auf die Initianten selber zurückschlagen (Weltpolizist USA im Enron-Schlamassel), liefert keine guten Argumente. Auch nicht im Hinblick auf den 3. März.
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