Jan Bloch und sein musealer Warnruf gegen den Krieg

Vor 100 Jahren eröffnete das Internationale Kriegs- und Friedensmuseum in Luzern seine Tore. Von der Steinschleuder bis zur modernen Kanone reihte sich hier das Waffenarsenal der Menschheit auf. Das Ziel seines Gründers Jan Bloch: das rasante Wachsen des Zerstörungspotentials in der Menschheitsgeschichte aufzuzeigen. Der Warnruf blieb ungehört. Mit dem 1. Weltkrieg verschwand das Museum. 

Von Delf Bucher*
6. Juni 2002 im Armeeausbildungszentrum in Luzern: Pazifistinnen und Konfliktforscher sitzen in den Seminarräumen mit Schweizer Offizieren zusammen und diskutieren über das Thema "100 Jahre Internationales Kriegs- und Friedenmuseum in Luzern" (IKFM). Die Kombination ist nicht zufällig. Denn schon vor hundert Jahren, als das Museum eröffnet wurde, fanden sich neben den FriedensnobelpreisträgerInnen Frederic Passy und Bertha Suttner schweizerische Offiziere beim Festbankett ein. Militärs sassen auch an entscheidender Stelle im Verwaltungsrat der Museums-AG, um dem IKFM seinen waffenstarrenden Stempel aufzudrücken. Hier reihte sich von den Geschützen der frühen Neuzeit bis zur Kruppkanone, vom Vorderlader bis zum Maschinengewehr das ganze mörderische Arsenal der Kriegsgeschichte auf. Nur in einem kleinen Raum wurde dem Wörtchen Frieden gehuldigt. Hier sollte der langsame Fortschritt zum Besseren durch völkerrechtliche Verträge aufgezeigt werden.  

Kriegsgewinnler gegen Krieg

Warum erwiesen wichtige ExponentInnen der bürgerlichen Friedensbewegung einer Schau für Waffenarren ihre Referenz? Der Grund liegt beim Gründer und Financier des Museums: Jan Bloch. Seine Biographie gäbe das Zeug dazu her, einen Historienstreifen à la Hollywood zu drehen. Angefangen hat alles in ärmlichen Verhältnissen. 1836 wurde er als Sohn armer jüdischer Eltern im von Russland okkupierten Polen geboren. Blochs Leben verkörpert die Legende des modernen Tellerwäschers. Mit 15 Jahren startete er als Botenjunge in einer Bank, mit 26 Jahren hatte er schon die erste Million Goldrubel verdient. Erst war er Zulieferer für den Eisenbahnbau, dann engagierte er sich direkt im Bahngeschäft. Dies führte Bloch beinahe zwangsläufig zum Thema Krieg und Frieden. Der Eisenbahn kam im Zarenreich eine wichtige ökonomische Schlüsselfunktion zu. Aber auch die Militärs mischten beim Ausbau mit. Die geographische Weite Russlands stellte die zaristischen Generäle bei jeder Mobilmachung vor riesige Probleme, um die "russische Dampfwalze" mit 1,4 Millionen Aktivsoldaten und über 3 Millionen Reservisten auf die weitentlegenen Schlachtfelder zu bringen. Bloch lieferte Schienenkilometer um Schienenkilometer. Er war sozusagen ein Kriegsgewinnler. Aber er sollte nicht zum skrupellosen Geschäftemacher des Todes werden. Gerade seine Erkenntnisse als Eisenbahn-Fachmann über die Logistik des Krieges, stellten die Weichen für den Friedensfreund. Den letzten Lebensabschnitt widmete er seine ganze Energie, um den Zukunftskrieg, eben den 1. Weltkrieg, zu verhindern.

Der belesene Autodidakt legte mit seinem Werk "Der zukünftige Krieg in seiner technischen, volkswirtschaftlichen und politischen Bedeutung" eine Enzyklopädie des Kriegswesens vor. Mit seinem sechsbändigen Opus veranschaulichte er die Zerstörungswucht im technischen Zeitalter. Detailversessen machte er sich daran, die Auswirkungen von modernen Gewehren und Granaten, von rauchlosem Pulver und neuen Befestigungstechniken auf dem Schlachtfeld auszumalen. Hier wollte ein Autodidakt, ein Zivilist, die uneinsichtigen Betonköpfe des Militärs überzeugen. Das Ganze liest sich nicht gerade einladend. Ausufernd breitet er über 3500 Seiten seine Faktenflut aus.  

Technische Prophetie vom totalen Krieg

Im Rückblick ist das Bloch-Opus erschütternd. 15 Jahre nach Erscheinen seines Buches bestätigte sich sein Szenario auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs. Erstmals wurde in Millionenzahl in einem international geführten Krieg gestorben. Natürlich hat Bloch nicht die zehn Millionen Gefallenen des 1. Weltkriegs präzise bestimmt. Sein Werk gab aber eine Ahnung von der Höhe des unermesslichen Blutzolls. Genau war er in einem anderen Punkt: Dass der Spaten so wichtig wie das Schiessgewehr werden sollte. Wie sich die Soldaten in Schützengräben vergraben - die "Taktik des Maulwurfs" - das hat der Kenner der Befestigungstechnik bereits in seinem Buch vorweggenommen. Ganz nebenbei wird der Untergang des europäischen Staatengefüges, wie es sich im imperialen Zeitalter des 19. Jahrhundert präsentierte, vorausgesagt. Wenn die bewaffneten, proletarisierten Massen den Gewehrlauf gegen die Herrscher umdrehen, könnten einige Kaiserthrone wackeln. Die russische Revolution, die Wirren 1918/19 in Österreich und Deutschland sollten ihn auch hier bestätigen.

Das Werk interessierte die Militärs. Viele ihrer Schriften fanden sich hier zitiert. Er hat aber den engstirnigen Blick der Infanteristen, Artelleristen und Kavalleristen zu einer Gesamtschau zusammenmontiert. Er hat die Militärs beim Wort genommen, um ihnen die Konsequenzen vor Augen zu stellen: Kriege waren nicht mehr länger tauglich, als Fortsetzung der Politik zu dienen. Krieg bedeutete von nun an den Untergang einer Epoche.  

Blochs Bühne: Den Haag, Paris und schliesslich Luzern

Die beunruhigende Botschaft wurde auch im Zarenpalast von St. Petersburg gehört. Zar Nikolaus II. lud Bloch zu einer Audienz ein. Blochs Lektionen über den Zukunftskrieg blieben nicht folgenlos. In einem seiner wenigen klarsichtigen Momente erliess der Zar einen Friedensappell und bereitete damit - inspiriert von Bloch - den Weg zur 1. Den Haager Friedenskonferenz. Als Friedens-Lobbyist bat dort Bloch die Delegierten zu Gala-Diners. Weder die Vorschläge zur Rüstungskontrolle noch das Schiedsgericht zur internationalen Konfliktlösung liessen sich durchsetzen.

Nach dem Scheitern der Konferenz versuchte Bloch seinen Warnruf auf der Pariser Weltausstellung 1900 zu präsentieren. Hier tauschte er sich mit Schweizer Militärs aus. Wahrscheinlich reifte während des Millenniums-Spektakels die Idee, ein Internationales Friedens- und Kriegsmuseum in Luzern einzurichten. Tragisch dabei: Noch vor Eröffnung des Museums starb Jan Bloch. 

Kriegs- oder Friedensmuseum?

Nun hatten Militärs das Sagen wie besipielsweise der Sanitätsoffizier Heinrich Bircher. Ganz unverblümt bekennt er seine sozialdarwinistische Gedankenwelt im Museumsführer: "Das Losungswort in der ganzen Natur ist ‚Kampf'". Sieger bleibe "der körperlich und geistig Mächtigere". Trotz gewisser humanitärer und sozialer Fortschritte könnte "die Wirkung der ewig waltenden Gesetze des organischen Lebens" nur gelindert werden, "aufheben werden sie sie nie". Denn so Birchers Fazit: "Das Schicksal hasst jeden Minderwert."

Es wundert kaum: Beim Münchner Welt-Friedenskongress 1907 kritisierte der deutsche Publizist und Pazifist Ludwig Quidde (1858-1914), dass das Luzerner Museum statt Friedenspädagogik zu betreiben, kriegerische Phantasien wecken könne.Trotz des militärhistorischen Charakters spricht eines für das Museum: Die Idee des Gründers - das rasante Wachsen des Zerstörungspotentials in der Menschheitsgeschichte aufzuzeigen - wird tatsächlich verwirklicht. Es war das einzige Museum, das sich prophetisch dem möglichen Ausbruch des 1. Weltkriegs widmete. Vor dem grossen "Zukunftskrieg" war es noch schwer, Zeugnis von der zerstörerischen Wirkung des totalen Krieges zu geben. Später dann, als nach 1918 Friedensmuseen überall in Europa entstanden und mit den Bildern von zerschossenen und deformierten Schädeln der reale 1. Weltkrieg "Zeugnis gegen den Krieg" ablegte, schloss das Luzerner Museum, mittlerweile in einem eigens dafür erstellten Neubau untergebracht, seine Pforten für immer. 

Ausführlicher Abriss über die Geschichte des Museums und Jan Bloch in der Broschüre "Friedenstauben und Krupp-Kanonen". Erhältlich für SFr. 10.- bei: Urs Häner, Dammstr. 14, 6003 Luzern. Tel. 041 240 97 38. untergrundgang@hotmail.com 

*Delf Bucher ist freier Journalist.

Expedition zu Fuss und Schiff

Mit einer Gedenktafel erinnert dieses Jahr endlich die Stadt Luzern an das Internationale Kriegs- und Friedensmuseum. Und wie vor 100 Jahren finden sich Militärs mit Pazifisten zusammen, um das Gedenken daran zu organisieren. Das Bourbaki-Panorama hat zusammen mit dem Armeeausbildungszentrum Luzern eine Ausstellung konzipiert (im Bourbaki-Museum bis 6. Oktober, später im Armee-Ausbildungszentrum Luzern von 21. Oktober bis 21. Dezember). Die der ArbeiterInnengeschichte und Friedensbewegung verpflichtete Gruppe "UntergRundgang" erarbeitete eine Expedition zu Fuss und mit Schiff, um auf Spurensuche eines nicht mehr vorhandenen Museums zu gehen.

Freitag, 21. Juni und Freitag, 28. Juni 2002: Treffpunkt jeweils um 18 Uhr beim KKL in Luzern.


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