Kolumne

"Denn die Völker wollen Frieden…"

Von Gusti Pollak

Das Blatt, Fotokopie mit dem Vermerk "Schweizerischer Arbeitersängerverband. Liederverlag" liegt lose vor mir. "Weltenfriede", Text von E. Hartleben, Musik Wilh. Decker, Op. 154. Nr. 3. Keine Jahrzahl. Dem Pathos und den traumatischen Bildern nach vermute ich: kurz nach dem 1. Weltkrieg geschrieben. Schwierig ist es auch zu singen, am Schluss wird der Friede bis ins hohe F gesucht.

Erstmals gehört habe ich das so eindrückliche wie schwermütige Lied von einem gemischten Chor aus der Arbeiterbewegung. Ob es den Chor noch gibt? Nicht nur ArbeiterInnenchöre haben Nachwuchsmangel.

"Weltenfriede ! Weltenfriede ! Letzter Sieg, den wir erfleh'n." Alles ist Kampf, Trauer, Anstrengung. Und ein wenig Schönheit und Hoffnung: "Liebe soll uns Pfade weisen, die wir wandeln Hand in Hand ... Denn die Völker wollen Frieden, Frieden jedes Menschenherz." Mit dem Menschen auf dem hohen F.

Bleibt die ewige Frage: Wer bringt die Völker immer wieder dazu, in den kollektiven gegenseitigen Selbst-Mord zu gehen oder andere Menschen(völker) im Namen von irgendwelchen Popanzen auszulöschen?

Ich hoffe, dass niemand zum Abschluss meiner FriZ-Kolumnen eine konsistente Antwort erwartet. Denn ich muss sagen: Eine traurige Leere begleitet mich nicht nur beim Blick auf das alte Lied, sondern auch beim Verfolgen der aktuellen Geschehnisse. Die tief sitzende Erinnerung an den Tag, als ich meinen Vater in Israel zur Holocaust-Gedenkstätte begleitete, als seine ganze verdrängte Familiengeschichte in einem stummen Augenblick greifbar wurde, mischt sich mit den entsetzlichen Assoziationen, die ich bei den ersten Bildern vom Grenzzaun habe, den die israelische Regierung nun doch allen Ernstes ziehen will. Hilflose Gewalt derer, denen damals auch (fast) niemand geholfen hat, gegen hilflose Verzweiflung von Attentätern, die ebenso Unschuldige in den Tod mitzieht.

"Denn die Völker wollen Frieden ...". Sharon wurde in einer Volkswahl gewählt, seine Popularität scheint ungebrochen, aber auch die Zahl der verweigernden Offiziere steigt markant und wird öffentlich, ein öffentlicher Tabubruch. Wer sind die Völker? Und wer masst sich an, aus der sicheren Distanz hierzulande Kommentare abzugeben, Vergleiche zu ziehen, die ebenso entsetzlich und anmassend sind?

Sind es meine Bilder auch? Hilflose Versuche gegen die Leere? Was sagen die Völker zu Herrn Bush, der Milliarden bietet für den "Kampf gegen den Terrorismus" und seichte Worte für die Konferenz gegen den Welthunger?

"Denn die Völker wollen Frieden". Es gibt zwar eine Version im "Liederbuch für Männerchöre", II. Band 1924, "Schwungvoll, nicht schleppen" im Dreiviertel-Takt. Aber die Version für vierstimmigen gemischten Chor, die "In ruhiger Bewegung" langsam vorwärts gehend ihren Weg sucht, spendet mir mehr Trost. Der Tonumfang ist anspruchsvoll, die Melodie ist dem Sopran vorbehalten, den Männern bleibt die Begleitung in den tiefen Lagen. Nur so und nur gemeinsam kann das Lied vom Weltenfrieden so gesungen werden, dass es klingt.

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