Von der Hölle ins Paradies?

Somalische Bantu werden seit Jahrhunderten diskriminiert: Früher als Sklaven verkauft, heute durch Krieg in die Flucht getrieben, lebt ein Grossteil seit zehn Jahren in Flüchtlingslagern. Finden sie in den Aufnahmeländern, die das UNHCR vermittelt, das erhoffte Paradies?*

Anfang der Neunzigerjahre zerfiel Somalia in verschiedene Gebiete, die von verfeindeten Clans beherrscht wurden. Um ihr Leben zu retten, ergriffen mehrere hunderttausend Menschen die Flucht. In der Zwischenzeit ist ein Teil von ihnen an die früheren Wohnorte zurückgekehrt. Viele leben jedoch weiterhin als Flüchtlinge, vor allem im angrenzenden Kenia. Sie haben nur eine vage Vorstellung davon, wann sie in Sicherheit zurückkehren können und ob es jemals dazu kommen wird.

Während einem Jahrzehnt hat sich das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge UNHCR bemüht, ein Aufnahmeland für 12000 so genannte somalische Bantu zu finden - eine Gruppe, deren Vorfahren von arabischen Sklavenhändlern aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet im südlichen Afrika entführt worden waren. Auch in ihrer neuen "Heimat" Somalia wurden sie Opfer von Diskriminierung und Ausbeutung. Bei ihrer Flucht schworen sie, dass sie auch nach einem erneuten Frieden nicht dorthin zurückkehren würden.

Eine Bleibe in der Fremde?

Von den weltweit zwölf Millionen Flüchtlinge, die das UNHCR erfasst hat, nehmen 17 Länder jedes Jahr rund 100000 besonders schutzbedürftige Menschen dauerhaft auf. Sie können aus unterschiedlichen Gründen unabhängig von der Situation in ihrem Herkunftsland nicht dorthin zurückkehren. Die meisten finden in den traditionellen Weiterwanderungsländern wie den USA, Kanada, Australien und den skandinavischen Ländern Aufnahme. Zunehmend beteiligen sich jedoch auch so unterschiedliche Staaten wie Island, Brasilien und Benin an dem Programm.

Der Exodus der SomalierInnen hat sich zu etwas entwickelt, das in der offiziellen Sprachregelung als "Langzeitkrise" bezeichnet wird. Als Anfang der Neunzigerjahre zuerst Tausende und dann Zehntausende SomalierInnen aus ihrem kollabierenden Nationalstaat nach Kenia strömten, stand die Regierung in Nairobi vor der Frage, wo sie diese Menschen unterbringen sollte. Bei der Entscheidung wurde das UNHCR zu Rate gezogen.

Unter solchen Umständen ist die Sicherheit immer ein heikles Problem. Durch die Ankunft einer riesigen Zahl von Menschen können die Aufnahmeländer selbst destabilisiert werden. Dies gilt insbesondere, wenn sich wie im Fall von Somalia und einige Jahre später von Ruanda unter den Flüchtlingen auch bewaffnete Milizionäre befinden. Die ortsansässige Bevölkerung sowie ihre Arbeitsplätze und ihre Farmen müssen geschützt werden. Gleichzeitig muss für die Flüchtlinge eine Basisinfrastruktur wie Wasserversorgung und Unterkünfte bereitgestellt werden. Der Ausgleich zwischen all diesen Interessen erfordert einen einfühlsamen Kompromiss.

Kenia richtete in der Nähe der Küste zum Indischen Ozean eine Reihe von Lagern ein. Ein weiteres Zentrum entstand in einer wilden, wüstenähnlichen Region nahe dem Dorf Dadaab. Dort gab es nur ein paar Siedlungen, in denen Nomaden mit ihren Kamelen und Ziegen lebten, und wo es im Sommer unendlich heiss ist.

Von der Flüchtlingsstadt in ein Industrieland

Dadaah schwoll im Laufe der Zeit zu drei einzelnen Lagern an, die sich kilometerlang in der Ebene dahinziehen. 120000 Menschen sind dort heute untergebracht, überwiegend SomalierInnen und somalische Bantu. Der Komplex hat sich zu einer Flüchtlingsstadt entwickelt, in der es nicht nur eine umfangreiche humanitäre Infrastruktur, sondern auch Bars, Hotels, Schulen, Ambulanzen, Banken, Märkte, Mobilfunkunternehmen und kleinbäuerliche Landwirtschaft gibt. Innerhalb von zehn Jahren ist Dadaab zum Zuhause für die Flüchtlinge geworden. Einige ziehen es allerdings vor, es als ihr "Gefängnis"zu bezeichnen. Sie führen hier ein ärmliches Leben in einer der unwirtlichsten Regionen der Erde. Der Alltag ist streng reglementiert und wird vor allem von Langeweile dominiert.

Die SomalierInnen sind verärgert, dass man den Bantu, die in ihrem gemeinsamen Herkunftsland schliesslich Bürger zweiter Klasse sind, den vielleicht grössten Preis gegeben hat, auf den Flüchtlinge hoffen können: Ein neues Leben in einem Industrieland. Der eine oder andere Somalier fragt: "Warum können nicht auch wir nach Amerika ausreisen?" Zehn Jahre lang hat es eine fragile Koexistenz zwischen den beiden Gemeinschaften gegeben, die nur gelegentlich von Gewalt gestört wurde. Aber mit dem Näherrücken des Abreisetages für die Bantu wird die Spannung greifbarer.

Die dauerhafte Ansiedlung in einem Drittland kann für Flüchtlinge ein Traum sein; sie ist aber auch politisch brisant. Die Programme des UNHCR reichen nicht aus, um für alle einen Platz zu finden. Das gibt Spannungen in den Flüchtlingslagern. Den Bantu, die jetzt weiterreisen können, droht ein Kulturschock. Die meisten können weder lesen noch schreiben oder Englisch sprechen. Sie sind robuste Landarbeiter mit wenig anderen Kenntnissen, haben nie einen Lichtschalter betätigt, eine Toilettenspülung benutzt oder eine verkehrsreiche Strasse überquert, sie sind nie in einem Auto oder einem Aufzug gefahren und kennen weder Schnee noch Klimaanlagen.

Auf den ersten Blick mag die Entscheidung zwischen Somalia und Amerika eine Wahl "zwischen der Hölle und dem Paradies" sein, wie ein Betroffener es ausdrückt. Doch er hat noch keine Woche im Paradies verbracht.

*Quelle: "Flüchtlinge", Zeitschrift des UNHCR, 3/2002

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