Europäisches Sozialforum: Grenzen gesprengt
Florenz - Tage der Hoffnung
Von Michi Stegmeier*
Eine riesige Demonstrationen mit über einer halben Million TeilnehmerInnen setzte einen fulminanten Schlusspunkt hinter das erste Europäische Sozialforum ESF, dem europäischen Pendant zum Weltsozialforum in Porto Alegre. Innert weniger Monate ist es den OrganisatorInnen in Florenz mit einem Kraftakt gelungen, diesen Kongress aus dem Boden zu stampfen, der alle Grenzen sprengte: Statt der erwarteten 15000 schrieben sich rund 50000 Menschen für die vierhundert Veranstaltungen und Workshops ein. Florenz empfing die Teilnehmenden mit offenen Armen, das ESF bekam von der Stadt Florenz Kongressräumlichkeiten, Sportanlagen und Turnhallen zur Verfügung gestellt. Es war beeindruckend, was hier geleistet wurde und wie harmonisch und konzentriert die einzelnen Veranstaltung verliefen.
Ein Kongress, der aber auch im Vorfeld von einer Hetzkampagne und Angstmacherei der Regierung Berlusconi geprägt war. Das Schengener Abkommen wurde kurzerhand ausser Kraft gesetzt. Tausend Personen wurde die Einreise nach Italien verweigert und über 6000 Polizisten wurden nach Florenz abkommandiert. In der Innenstadt blieben viele Geschäfte und Restaurants während des Kongresses geschlossen und waren mit Holzbrettern verbarrikadiert. Die populäre italienische Schriftstellerin Oriana Fallaci sprach gar von einem Einfall der Hunnen, die Florenz dem Erdboden gleich machen würden. Sie forderte Laden- und Restaurantbesitzer auf, als Zeichen der Trauer die Geschäfte zu schliessen. Zwei Mitglieder der Anti-WTO-Koordination Bern, die als ReferentInnen eingeladen waren, wurden in Domodossola brutal verhaftet und für dreissig Stunden inhaftiert. Doch die Strategie der Eskalation ging nicht auf und die Grossdemonstration blieb friedlich. Darüber wird sich Berlusconi nicht nur gefreut haben. Und das ist gut so.
Sicher ist die Bewegung in Italien nicht repräsentativ für die Verhältnisse in anderen europäischen Ländern. Wir müssen und können aber sehr viel von dieser Antiglobalisierungs- und Antikriegsbewegungen "made in Italy" lernen. Es ist ihr gelungen, zwischen den Generationen und den verschiedenen Teilen der Linken eine Brücke zu schlagen. Dieser ist es ebenso gelungen, über bestehende Widersprüche hinweg Gemeinsamkeiten zu finden und sich wieder auf die eigenen Stärken zu besinnen. Es waren Tage, die Hoffnung gemacht und die zutiefst bewegt haben. Auffällig waren auch die vielen jungen Teilnehmenden: Lange Haare, Dreadlocks, Che Guevara T-Shirt und rote Fahnen haben das Bild des ESF dominiert. Nun liegt es an uns allen, was wir jetzt aus Florenz machen.
Michael Stegmeier arbeitet bei der Zürcher Freiplatzaktion und engagiert sich bei der Gruppe "Augen auf".
