Kolumne
Die junge Frau, die vor mir im Tram sass, hatte eine angenehme Stimme. Ich betrachtete gedankenverloren ihre farbigen Haarsträhnen und hörte ihr mit halbem Ohr zu. Sie ist ja nett, sagte sie zu ihrer Begleiterin, aber halt schon sehr unflexibel, die haben eben nie gelernt, mit Veränderungen umzugehen.
Sofort bin ich hellwach. Mir ist sofort klar, dass sie mich meint. Oder genauer: Eine in meinem Alter. Eine Bürokollegin, die in ihrer Arbeit erstarrt, unbeweglich geworden ist. Eine Alte eben. Bevor ich mich entscheiden kann, der jungen Frau auf die Schulter zu tippen und ihr etwas zu erzählen über Flexibilität und Alter, steht sie auf und steigt aus.
Zwei Stationen später steige auch ich aus, voller Wut in die hinein ich Pommes frites stopfen muss. Neben mir an der Theke streckt eine ehemalige Schulkollegin die Hand nach ihren Pommes frites aus. Schliesslich stehen wir kauend und mit fettigen Fingern auf dem Stauffacher.
Auch nicht mehr wie früher, sagt sie mit vollem Mund.
Mmh, mmh, sage ich und klaube eine weitere Fritte aus dem Karton.
Früher war hier ein Oskar Weber, sagt sie.
Genau. Eine Rolltreppe hatte das kleine Warenhaus, und oben waren die Puppen und Teddybären. Und da drüben, ich zeige mit dem Kopf, da war der Laden mit all seinen Knöpfen und Bändern und farbigen Nähseiden.
Mhm, mmh, sagt sie und zerknüllt den leeren Karton. Alles anders, nicht mehr wie früher. Damals fuhr der Fünfer noch hier. Erinnerst du dich? Und Alkis gab es keine. Damals war der Stauffacher noch sicher. Heute würde ich kein Kind mehr hier allein vorbeigehen lassen.
Aber, sage ich.
Sie schüttelt energisch den Kopf. Wir waren noch diszipliniert, nicht so laut und nicht so frech. Oder möchtest du etwa heute Lehrerin sein?
Sie lässt mich stehen mit der Papierserviette und dem zerknüllten Karton in den fettigen Händen. Und in den Geschäften, ruft sie über die Schulter zurück, da wurde man früher noch freundlich bedient. Sie nickt nachdrücklich und stapft davon. Ich überquere die Geleise und werfe den Abfall in den Kübel neben den Alkis, die es früher nicht gegeben haben soll, stehe nun vor der Kirche, in der meine Eltern getraut wurden. Hier hat sich nicht viel verändert, neben einigen geschnitzten Baumstämmen steht noch immer der von meiner Mutter geliebte Magnolienbaum. Meine Mutter, die redete früher genau so wie meine Schulkollegin heute: Wir waren nicht so verwöhnt, wie ihr es seid; wir hätten uns das alles nicht leisten können; wir hätten uns niemals getraut, Erwachsenen zu widersprechen. Wir aber trauten uns. Wir wurden zu denen, vor denen uns unsere Eltern gewarnt hatten. Und ich vermute, dass schon meine Mutter zu denen gehörte. Und meine Schulkollegin ganz gewiss.
Es stimmt, dass es früher keinen einzigen Chinesen an der Langstrasse gab. Es stimmt, dass ich früher nicht wusste, wie Falafel schmeckt oder Kebab. Für meine Mutter waren die Tomaten neu, und sie erzählte mir, ihre Mutter, also meine Grossmutter, habe sich strikte geweigert, dieses neumodische Gemüse auszuprobieren.
Was neu ist, macht Angst. Was ungewohnt ist, löst Erstaunen aus. Damals wie heute. Das Erstaunen war das Erstaunen und ist das Erstaunen geblieben. Wenn Peter Rosegger1 mit seinem Gotterl zum ersten Mal Bahn fährt und das Gotterl ausruft: Jesses und Maron, da draussen fliegt eine Mauer vorbei dann ist dieses Erstaunen nicht anders als mein Erstaunen über das, was heute am Bildschirm alles möglich ist oder ebenso erstaunlicherweise nicht möglich ist.
Das "Früher" schleicht sich so nach 45 in die Gespräche. Und meist bleibt es eben nicht dabei, dass "es" früher anders war. Meistens läuft es darauf hinaus, dass "es" früher besser war. Das Leben war besser. Wir waren besser. Und etwas davon stimmt ja auch: Früher war ich jünger, vielleicht auch gesünder als heute, nicht so schnell ermüdet. Früher hatte ich das Leben vor mir und heute ist die Zukunft, die mir bleibt, viel kleiner als die Vergangenheit, die ich mit mir trage. Früher waren grosse Hoffnungen da, die vielleicht von grossen Enttäuschungen abgelöst wurden. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, all das im Leben zu tun und zu erreichen, was einmal erstrebenswert schien.
Ob dieses Früher verklärt wird, weil es von heute aus gesehen so voller Hoffnung erscheint? Sicher ist, dass mit pauschalen Zuschreibungen weder dem Früher noch dem Heute beizukommen ist. Menschen sind Menschen, damals wie heute alte oder junge, fröhliche und traurige, sind Menschen mit mehr oder weniger guten oder bösen Absichten. Jeder Mensch ist ein Mensch mit seiner eigenen Lebensgeschichte, mit seiner Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen. Aber immer und zuerst: ein Mensch. Darauf beharre ich. Das ist ein grundlegendes Menschenrecht. Dieses Recht darf niemandem abgesprochen werden, auch wenn sich die Umwelt verändert.
Überhaupt die Veränderungen, die Neuerungen. Alles schon dagewesen, behauptete meine Mutter. Nichts sei wirklich neu, weder die ausgestellten Hosen noch die Schuhe mit Plateausohlen. Alles sei schon früher da gewesen. Es gäbe nichts Neues unter der Sonne. Sagte meine Mutter. Und doch sind für die einen ausgestellte Hosen der letzte Schrei und sie können sich nicht vorstellen, dass dieselben Hosen für andere einfach eine Jugenderinnerung sind. Deshalb halte ich mich an Rosegger. Sollte mir in nächster Zeit eine Mauer entgegenfliegen, werde ich an das Gotterl denken und daran, dass es halt immer früher und heute auf den Blickwinkel ankommt.
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