Die Freiheit des Wortes

Schreibende werden wegen ihres Schreibens gefoltert, bedroht, kommen in Haft, werden umgebracht. Das "Writers in Prison Commitee" WiPC des Internationalen SchriftstellerInnenverbandes PEN interveniert, wo es kann. Die NGO engagiert sich für das Recht auf freie Meinungsäusserung und Information.

Von Elisabeth Wandeler-Deck*
Am Weltkongress des Internationalen PEN in Moskau im Mai 2000 trat an der Delegiertenversammlung ein junger Mann auf: Grigorij Pasko. In seiner jüngsten Geschichte kreuzen sich beispielhaft die Anliegen des PEN: Der Einsatz für die Freiheit des Wortes und der Schutz der Schreibenden. Grigorij Pasko war gerade aus dem Untersuchungsgefängnis in Wladiwostok entlassen worden. Der Militärjournalist im Range eines Hauptmanns war wegen einer Serie von Artikeln zu ökologischen Missständen inhaftiert worden. Seine auch international veröffentlichte Dokumentation über die Versenkung von nuklearem Müll durch die russische Marine hatte Anlass gegeben zu einer Anklage wegen Spionage. Die zu seinem Schutz angebotene Ehrenmitgliedschaft beim russischen PEN, der Druck auf die Behörden in Zusammenarbeit mit Amnesty International und Human Rights Watch bewirkten zunächst seine bedingte Entlassung. Im Dezember 2001 wurde er für weitere sechsundzwanzig Monate zur Rückkehr ins Gefängnis gezwungen. Am 25. Juni 2002 bestätigte das Oberste Militärgericht in Moskau das Urteil gegen Grigorij Pasko wegen Verrats. Während Journalisten für die Appellationsverhandlungen in Moskau aus dem Saal verwiesen wurden, erhielt Alexander Tkachenko, der Generalsekretär des russischen PEN-Zentrums, die offizielle Erlaubnis, neben der Verteidigung den Verhandlungen beizuwohnen. Am 16. September 2002 berichtet Galina Morozova, Grigorij Paskos Frau, über dessen bevorstehende Verlegung in ein Arbeitslager in Ussuriysk, einer Stadt etwa 100 km ausserhalb Wladiwostoks. Grigorij Pasko bereitete im Gefängnis von Wladiwostok eine Zeitschrift zu Ökologie und Recht vor, nach der Verlegung in eine Arbeitslager wird die Weiterarbeit daran sehr schwierig werden.

Der Fall Pasko zeigt auf, was auch in vielen anderen Ländern zur Empfindlichkeit der Regimes gegenüber journalistischen oder literarischen Veröffentlichungen führt: politische und gesellschaftliche Spannungen, brisante Themen - hier sind es die Auflösung der UdSSR, die Interessen der Armee, ein neues, auch international eingefordertes Interesse für ökologische Fragen sowie die neu behaupteten bürgerlichen Freiheiten, die auch in den Medien zu einer anderen Berufsauffassung von Schreibenden und Verlagen führten.

Vom Literaturclub zur Anwältin verfolgter SchreiberInnen

Der Internationale PEN wurde im London der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts als Club gegründet. Massgebend war der Wunsch, den literarischen Austausch unter Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die aus dem Ausland nach London kamen, zu erleichtern. Schon bald wurde der Einsatz für bedrohte Kolleginnen und Kollegen zentral. Von den heute weltweit 154 PEN-Zentren sind über 50 aktiv im "Writers in Prison Committee" (WiPC)1, dem wichtigsten Komitee des PEN; Recherchen und Abstimmung der Arbeit geschehen von London aus. Das WiPC London initiiert oder unterstützt die "Rapid Actions" im Fall akuter Bedrohung von AutorInnen oder VerlegerInnen, die Teilnahme an Gerichtsverhandlungen und die Pressearbeit. Regionale Kampagnen werden nötig, wenn es um grundlegende Probleme geht. Adressaten sind Regierungen: Weissrussland, Russland (Tschetschenien), die Türkei, China, Mexiko, Kuba, Iran. Zur Zeit läuft die Zimbabwe-Kampagne.

Als internationale NGO engagiert sich der PEN für den Artikel 19 der Uno-Menschenrechtskonvention: das Recht auf freie Meinungsäusserung und Information. Zur Kultur der Menschenrechte gehört wesentlich die Freiheit des Wortes, die Freiheit, sich ohne Beeinträchtigung der persönlichen Integrität äussern zu können und von den Äusserungen anderer Kenntnis zu haben. Auf der Grundlage der "Charta", die von den weltweit etwa 15000 Mitgliedern unterzeichnet wurde, treffen sich die Delegierten des Interationalen PEN jedes Jahr zum Weltkongress, der auf Initiative des "Writers in Prison"-Komitees eine Vielzahl von Resolutionen verabschiedet und regionale oder Länderschwerpunkte festlegt.

*Elisabeth Wandeler-Deck, Schriftstellerin, ist Vorstandsmitglied des deutschschweizerischen PEN-Zentrums und Delegierte des Deutschschweizer PEN-Zentrums beim WiP-Komitee. Letzte Veröffentlichungen: contrabund (2001), hängend (2002)

Verfolgt, inhaftiert oder getötet

Nach Angaben des Internationalen PEN sind im ersten Halbjahr 2002 483 SchriftstellerInnen und JournalistInnen inhaftiert, gefoltert, verschleppt oder getötet worden:

getötet: 16

verschwunden: 15

verfolgt und inhaftiert: 126

kurze Zeit in Haft: 167

entführt: 5

mit dem Tod bedroht: 28

grob schikaniert. 59

attackiert: 67


Aktuelle Angriffe auf die Freiheit des Wortes

Grossbritannien. 11. November 2002. Mende Nazer sagt aus, dass sie als Sklavin im Londoner Heim des sudanesischen Diplomaten Abdel al Koronky zu arbeiten gezwungen war, nachdem sie mit falschen Papieren nach Grossbritannien gebracht worden war. Sie schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen, das in Deutschland ein Bestseller wurde. Der Diplomat bestreitet die Wahrheit ihrer Äusserungen. Nazer reichte ein Gesuch um Asyl ein, da es für sie ein grosses Risiko bedeute in den Sudan zurückzukehren. Es wurde am 17. Oktober durch das Home Office abgewiesen. Sie appellierte gegen den Entscheid. Am 11. November 2002 teilte Immigrationsministerin Beverley Hughes mit, dass der Ausschaffungsentscheid gegen Mende Nazer aufgehoben worden sei und dass ihr Gesuch um politisches Asyl an das britische Home Office zurückgehe. Mende Nazer kann nun auf Asyl hoffen.

Zimbabwe. 8. Oktober 2002. Geoffrey Nyarota, Chefredaktor bei der grössten nichtstaatlichen Zeitung in Zimbabwe, ist Ziel konstanter Schikanen durch den Staat: Sechs Anklagen gegen ihn sind hängig, die durch verschiedene Mitglieder der zimbabwischen Regierung eingereicht wurden, unter anderem auch von Präsident Mugabe; sie alle beziehen sich auf Artikel in seiner Zeitung. Im Januar 2001 wurden die Druckpressen der "Daily News" gesprengt, wobei Material verwendet wurde, das nur der Armee zur Verfügung stehen soll. Die Büros der "Daily News" in Bulawayo wurden im Februar dieses Jahres mit Molotowcocktails zerstört. Am 24. Oktober 2002 wurden drei Angestellte der "Daily News" für kurze Zeit in Haft genommen, während sie beruflich bei einer Demonstration von OberstufenschülerInnen anwesend waren. Geoffrey Nyarota war schon am 23. Oktober verhaftet worden. Er wurde der Verbreitung falscher Nachrichten angeklagt, jedoch gleichentags wieder freigelassen.

Usbekistan. 7. Januar 2002. Der usbekische Dichter Yusuf Dzhumaev, Mitglied der verbotenen laizistischen Oppositionsbewegung Birlik (Einheit), war am 23. Oktober verhaftet worden. Er hatte seine Gedichte auf einer muslimischen Website veröffentlicht, welche die Autoritäten als subversiv einschätzen. Aufgrund dieser Annahmen soll Yusuf Dzhumaev der Unterminierung der verfassungsmässigen Ordnung angeklagt sein. Entgegen früherer Befürchtungen soll Yusuf Dzhumaev gut behandelt werden; sein Gesundheitszustand hat sich dennoch verschlechtert.

Die Anliegen des PEN können Sie über einen Beitritt als FreundIn des PEN unterstützen: Deutschschweizer PEN-Zentrum, Postfach 1329, 8026 Zürich

T +41 1 2422111, F +41 1 2416032. E-Mail: infopen@tiscali.ch, Spendenkonto: PC 30-36798-9

1 "Writers in Prison Committee"

London Office: 9-10 Charterhouse Buildings, London EC1M 7AT UK

Tel: + 44 (0) 20 72 53 32 26 Fax: + 44 (0) 20 72 53 57 11

E-Mail: sara@wipcpen.org


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