FriZ 1/2003

Pazifismus- Weg des Menschlichwerdens

Wenn ich in meinem warmen Arbeitszimmer über mein persönliches Verständnis des Pazifismus reflektiere und wodurch es geprägt wurde, tauchen Bilder von Menschen und Situationen auf, denen ich begegnet bin. Da höre ich stellvertretend für viele Direktbetroffene von Gewaltsituationen Sumaya Farat Naser.

Sie schildert Konfrontationen an Checkpoints mit bedrängenden Soldaten. Sie hat gelernt, nach vielen Jahren mit Gewalt konfrontiert, im Bedroher den Menschen zu suchen.

Mich als Pazifistin zu verstehen, heisst für mich, dass der Ball mal vorerst bei mir liegt und das gibt zu tun. Persönliche gewaltfreie Konfliktbearbeitung auf allen Ebenen bedingt, dass ich mein Denken und Handeln selber genügend reflektiere, mir meiner eigenen Gewaltanteile und noch vorhandenen Feindbilder bewusst werde, wo immer ich mich einbringe und mitarbeite.

So kann die Kultur der Gewaltfreiheit Boden finden, der innere Frieden kann gedeihen und der persönliche Wandel wird erfahrbar, Chancen werden zur Verpflichtung, Konflikte werden als lösbar verstanden und verlieren von ihrer Bedrohung.

Das "Nie wieder Krieg" wuchs als neue Überzeugung nach dem zweiten Weltkrieg.

"Und würden alle Waffen der Welt eliminiert werden, die Kriege würden in den Köpfen der Menschen weiter stattfinden." Diese Worte weisen mich und uns alle immer wieder auf den nötigen Tiefgang hin, der erst eine wirklich nachhaltige Friedensarbeit ausmacht, die mit offenem bewussten Erkennen der vielschichtigen Zusammenhänge zur Gewaltverminderung und zu einer Kultur der grösstmöglichen Gewaltfreiheit führt.

Wir müssen erkennen auch und gerade mitten in der UNO und OeRK-Dekade für eine Friedenskultur und Gewaltüberwindung, dass der Weg zu einem menschenwürdigen Leben zwischen Menschen und Völker erst über weitere Prozessarbeit zu einem neuen Bewusstsein führen wird. Wie die aktuellen "Kriegsbemühungen" zeigen, verstehen wir uns Menschen noch nicht als Schwestern und Brüder. Und auch die Ereignisse rund ums WEF zeigen, dass alles "Anti-sein" grosse Forderungen und Disziplin abverlangt, um nicht selber in eine Falle des destruktiven Verhaltens zu fallen.

Als positive Erfahrung erlebte ich aus nächster Nähe die Entwicklung des Schweizerischen ökumenischen Friedensprogramms zum Schulungsterrain für Friedensarbeit und Konfliktlösung, das jetzt dem Kompetenzzentrum für Friedensförderung KOFF angeschlossen ist.

Wir haben noch zu tun, innen und aussen , bis wir weitere heikle Situationen fair, mit klarer Kommunikation, Respekt und lösungsorientiert angehen können. Mit vielen andern Menschen bleibe ich dran.

Doris Marti

Doris Marti ist Mitglied des Vorstandes des Schweizerischen ökumenischen Friedensprogramms SöF

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