FriZ - Kolumne aus Nr. 2/2003

Der 8. März und der Kanon

Mehrgängiges Nachtessen! Mimosen! Männerstreaptease! - Alles für Frauen. Am 8. März. Ich bin entsetzt. Tremate tremate le streghe son tornate... tönte es früher durch die Strassen Italiens, Vorbild waren mir die aufmüpfigen Italienerinnen. Und jetzt das. Mehrgängiges Essen und Mimosensträusschen.

Alle Plätze sind reserviert in der kleinen trattoria. Doch die Wirtin bringt es nicht übers Herz, uns fortzuschicken, nicht am 8. März. Sie weist die Kellnerinnen an, uns ein Tischchen hinzustellen zwischen Büffet und Fenster. Und da sitzen wir und beobachten den Einzug der Gäste. Ganze zwei Männer, die ihre Frauen ausführen, und sonst Frauen, zwanzig, dreissig, der kleine Raum ist bis zur letzten Ecke gefüllt. Die Wirtin bleibt bei unserem Tisch stehen: Früher, sagt sie, und verdreht die Augen, früher, da hatten wir fünfzig Frauen, was sag ich, achtzig, hundert, der grosse Saal ganz voll. Aber heute - sie seufzt - und er ist doch so nötig, dieser 8. März, alle Monate sollten wir ihn feiern.

In der trattoria wird es warm, die Frauen sind laut, sie prosten uns zu, wollen uns mitnehmen in die Disco, senza uomini, ruft mir eine zu und blinzelt vielsagend. Eine andere streift im Vorübergehen meine Schulter, meinen Arm. Una volta al'anno... flüstert sie mir zu.

Meiner Liebsten und mir gehen Augen und Ohren über. Wo sind wir da unverhofft gelandet... Wir freuen uns den ganzen Heimweg und die halbe Nacht. 8. März in Norditalien. Das war vor einem Jahr.

Dieses Jahr bin ich am 8. März in Zürich. Keine Mimosen. Ich weiss nicht einmal, ob eine Demo stattfindet, ob es eine Kundgebung gibt oder ein Fest. Ich bin müde geworden, überlasse die Strasse den jüngeren. Gründe für eine Demo gibt's zu Hauf: Der Krieg. Die Globalisierung. Die Lohnungleichheit. Und einige ganz persönliche Gründe könnte ich noch anfügen. Grundsätzlich erhalten schreibende Frauen weniger finanzielle Unterstützung als ihre männlichen Kollegen. Und seit einigen Jahren stagniert der Anteil der lesenden Frauen an den Solothurner Literaturtagen bei einem Drittel. Dass er vor einigen Jahren noch kleiner war, ist kaum ein Trost.

Und was mach ich mit dem Artikel in “Buch und Co" vom letzten Jahr? Unter dem Titel “Das dreckige Dutzend" werden 12 Krimis vorgestellt, “die jeder Krimi-Fan in seiner Basis-Bibliothek haben sollte"i. 12 Krimis. 6 von Frauen und 6 von Männern werden es ja wohl nicht sein. Aber der Solothurner Drittel... das wären dann 4 Krimis von Frauen. Aber nein. Einzig und allein Agatha Christie gehört in die Basis-Bibliothek - auf Patricia Highsmith und Patricia Wentworth können wir verzichten. Auf Ursula Curtiss ebenso. Aber nicht auf die Krimis von elf Männern.

Agatha Christie scheint zum Standard zu gehören. Sie wird auch erwähnt im Buch “Die 50 besten Bücher des 20. Jahrhunderts"ii. Zusammen mit Simone de Beauvoir, Anne Frank, Marguerite Yourcenar, Margret Mitchell und Françoise Sagan. 6 Bücher von Frauen auf 50 beste Bücher.

Christiane Zschirnt weiss auch was sich gehört bezüglich Büchern von Frauen. “Alles was man lesen muss"iii heisst ihr Buch, das in verschiedenen Kapiteln die ihrer Meinung nach wichtigsten Bücher vorstellt. Im Kapitel “Liebe" finde ich Jane Austen, unter “Kinder" stehen 2 Autorinnen 4 Autoren gegenüber, unter “Frauen" versammelt sie 5 Autorinnen. Dafür fehlen sie dann andernorts, nämlich bei “Psyche", “Sex" und “Politik", offenbar alles Themen, über die Frauen nichts nennenswertes geschrieben haben. Bei “Moderne" wird das Weibliche abgedeckt mit Virginia Woolf. Nichts von Gertrude Stein, nirgends Natalia Ginzburg, nichts von... ach, ich könnte sie aufzählen, alle die Autorinnen, die so schmählich vergessen werden. Seitenweise. Gestell um Gestell. Ihre Bücher stehen in den Bibliotheken und werden gelesen. Aber zum Kanon gehören sie nicht.

Ich wundere mich über mich. So viele Gründe, um am 8. März auf die Strasse zu gehen. Ab sofort werde ich das wieder tun. Und nicht nur am 8. März, nein, auch am 8. April, am 8. Mai, am 8. Juni... Jeden 8. eben, so wie das die italienische Wirtin vorschlug. Und danach in die Disco. Mit Frauen. Und danach... una volta al'anno... Und falls es zur Gewohnheit wird, schadet es auch nichts.

von Esther Spinner

i Martin Compart: Das dreckige Dutzend - 12 Klassiker, die der Krimi-Fan in seiner Basis-Bibliothek haben sollte, in Buch & Co, Krimi spezial, 4/2002

ii Frédéric Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf - Die 50 besten Bücher des 20. Jahrhunderts, Rowohlt, Reinbek 2002

iii Christiane Zschirnt: Bücher. Alles, was man lesen muss, Eichborn, Frankfurt 2002


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