Die schlechte Nachricht: Die Genossenschaft Buch 2000 steht vor dem Ende - die gute Nachricht: Der Versandhandel wird in fast unveränderter Form weitergeführt. Von Hans Steiger
Ich soll einen Nachruf schreiben: auf "buch 2000", das seit seiner Gründung ein Mitglied des Schweizerischen Friedensrates war. Die ersten Prospekte sowie die Statuten der Genossenschaft Buch 2000 hielten fest, der Literaturvertrieb werde "als Friedensarbeit im weitesten Sinn" verstanden, es gehe um die "Vermittlung von Informationen zu brennenden Problemen der Gegenwart", ein allfälliger Gewinn aus dem Buchhandel komme entsprechenden Projekten zugute. Nun, viel zu verteilen blieb in den fast vierzig Jahren nie. Immerhin ging noch vor kurzem, trotz der eigenen kritischen Finanzlage, eine ansehnliche Spende an die akut gefährdete friZ.
Nachruf? Das ist falsch. Die 1966 gestartete, zunächst in Zürich, dann in Mettmenstetten und Obfelden betriebene und die längste Zeit von politisch engagierten Frauen geprägte Versandbuchhandlung ist nicht tot. Sie wird seit März 2004 durch einen Partnerbetrieb im Säuliamt weitergeführt: "Inhaltlich und von den Serviceleistungen her wird sich nichts ändern."* Auch die Verlagsvertretungen gehen weiter. Professionell, in einem starken Verbund. Nicht, dass hier Geschäftsschädigendes zurückbleibt...
Aber mit der Selbstverwaltung, den für alle gleichen, anfänglich eher symbolischen Löhnen ist es vorbei. Auch die Trägergenossenschaft dürfte wohl aufgelöst werden und somit die organisatorische Verknüpfung mit dem Friedensrat entfallen. An die jährliche GV waren jeweils, von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abgesehen, ohnehin nur noch zwei, drei Mitglieder gekommen. Es lief ja. Mehr oder minder. Bis es plötzlich nicht mehr ging. Oder zumindest bald nicht mehr gegangen wäre. Schwierigkeiten der Branche, generelle Trends, Generationenwechsel. Zu viel Negatives kam zusammen.
Anders am Anfang: Hansjörg Braunschweig hatte mich, einen politischen Vor-68er aus der damaligen Anti-Atomwaffen-Bewegung und frisch ausgebildeten Buchhändler, für die Planung einer zeitgemässen Fortsetzung der traditionsreichen Pazifistischen Bücherstube im Hause der Familie Ragaz an der Gartenhofstrasse begeistert. Nach dem Start kam es relativ rasch zu einer kaum erwarteten Expansion. Kurz vor 1968 war nonkonforme Literatur gefragt, aber im "normalen" Buchhandel kaum zu haben. "buch 2000" entsprach einem aktuellen politischen Bedürfnis.
Es kam zur schrittweisen Ausweitung der Thematik. Schon bald bezeichnete eine Visitenkarte die folgenden Spezialgebiete: "Aktuelle Politik / Dritte Welt / Internationale Zusammenarbeit / Friedenssicherung / Entwicklungspolitik / Moderne Soziologie / Arbeiterbewegung / Kirche und Gesellschaft / Engagierte Gegenwartsliteratur / Übersetzte Belletristik aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa". Später haben sich die Akzente weiter verschoben. Frauenbewegung, Ökologie, Bildung...
Doch inzwischen hatte sich der Buchhandel solchen Themen allgemein geöffnet. Mit den Übriggebliebenen aus der Anfangszeit allein wurde die Luft für einen spezialisierten Buchversand immer dünner. Es gab Phasen der Sinnkrise. Zeitweise wurden die in monatlichen Informationen propagierten Bücher, zumal jene zur Friedensproblematik, kaum noch bestellt. Blieb am Ende bloss ein mit viel Aufwand betriebener Dienstleistungsbetrieb für im Abseits wohnende Kundinnen und Kunden übrig? Das reichte als Motivation auf die Dauer nicht aus. Für den geplanten Versuch, "buch 2000" unter neuer Leitung nochmals neu zu profilieren, fehlten schliesslich schlicht die Mittel. Die gewählte Kooperationslösung wurde zum weniger riskanten Ausweg aus der Krise.
Als ich in den frühen Jahren von "buch 2000" die Namensgebung begründen sollte, sprach ich einmal vom Verbreiten von Literatur, deren Lektüre unsere Chance erhöhen könnte, das Jahr 2000 zu erleben. Zumindest dieses Etappenziel wurde erreicht. Was nicht heissen soll, die paar Bücher seien daran schuld. Aber geschadet haben sie kaum.
Hans Steiger, ursprünglich Buchhändler und Gründungsmitglied von buch 2000, ist heute freier Journalist. Von 1991 bis 1995 sass er für die SP im Nationalrat.
buch 2000 arbeitet seit dem 1. März 2004 mit der Buchhandlung Scheidegger in Affoltern a.A. zusammen. Konkret werden künftig die Bücher und die buch 2000-Zeitschrift "Information" von dort aus versandt. Inhaltlich und bezüglich der Dienstleistungen von buch 2000 soll sich jedoch nichts ändern. Buch 2000 ist weiterhin erreichbar unter: buch2000, Postfach, 8912 Obfelden; Tel. 017624290, Fax 017624295; info@buch2000.ch , www.buch2000.ch
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