Es war im Sommer 2000, als Jennifer Pfiffner den Zeitungsartikel las. Er handelte von Mark Henry Lankford (s. Randspalte), einem damals 44jährigen Amerikaner, der seit 1984 in einer Todeszelle im US-Bundesstaat Idaho gegen seine drohende Hinrichtung kämpfte. Und es ging im Artikel um "Menschen, die Hoffnung in die Todeszellen bringen" - indem sie eine Brieffreundschaft mit Todeskandidaten führen.
"Der spricht zu mir", sei ihr damals durch den Kopf geschossen. Im Artikel schildert Mark Lankford, wie wichtig für ihn die Brieffreundschaften auch mit unbekannten Menschen seien: "Meine Freunde," nennt er sie. "Ohne sie wäre meine Seele schon gestorben, lange vor meinem Körper." Sie habe sich sehr angesprochen gefühlt von der Sprache Lankfords und seiner Vitalität, welche der Artikel vermittelte. Und sie habe gedacht: "Wer sonst sollte ihm schreiben, wenn nicht ich? Und wann, wenn nicht jetzt?"
Um das zu verstehen, müsse ich aber noch ein paar Dinge wissen, erklärt mir Jennifer Pfiffner. Damals habe sie in der Toskana gelebt, wo sie zusammen mit ihrem Mann eine kleine Ferienpension in einem abgelegenen kleinen Haus führte. Sie selbst wohnten mit ihren beiden kleinen Kindern im Zelt und sorgten für das Wohl der Feriengäste. Es sei ein Neuanfang nach einer schweren Zeit gewesen, meint Jennifer Pfiffner rückblickend. Zwei Jahre zuvor war ihr Mann plötzlich erkrankt und hatte sich einer schwere Herzoperation mit einigen Komplikationen unterziehen müssen. Da ihre erste Tochter noch nicht einmal jährig war, geriet auch sie selbst unter Druck. Sie erinnere sich gut, wie sie damals hin- und her gerissen gewesen sei zwischen dem Bedürfnis, möglichst viel Zeit an der Seite ihres Mann zu verbringen, und jenem, zuhause für ihre kleine Tochter da zu sein. Mit wenig Unterstützung von aussen habe sie diese Zeit durchstehen müssen. "Als dann alles überstanden war, habe ich ein Gelübde abgelegt: Ich wollte mein künftiges Leben so einrichten, dass ich jederzeit in der Lage bin, jemandem zur Seite zu stehen, der Ähnliches durchmacht." Dieses Gelübde, sagt sie, habe sie nach einiger Zeit wieder vergessen. Die kleine Familie suchte einen Neuanfang und fand ihn in einer Zeitungsannonce "Ferienhaus in der Toskana zu vermieten".
Heute lebt Jennifer Pfiffner wieder in der Schweiz und schreibt jeden Monat zwei oder drei Briefe an - eben jenen Mark Lankford. Und er antwortet ihr nicht nur ebenso regelmässig mindestens einmal monatlich, sondern er ist für Jennifer Pfiffner längst zu einem Teil ihres Lebens, ja der Familie geworden: Als sie ihn nach einiger Zeit fragte, ob er "Götti" ihrer zweiten Tochter werden wolle, habe Mark Lankford freudig zugesagt.
Die Brieffreundschaft mit Mark Lankford sieht Jenniffer Pfiffner auch als Glücksfall: "Wir haben uns vom ersten Brief an gut verstanden." Dies sei gar nicht selbstverständlich, erklärt sie mir. Ihren zweiten Briefkontakt, den sie im Herbst 2001 mit einem anderen zum Tod Verurteilten begann, hat sie mittlerweile abgebrochen: "Die Chemie stimmte einfach nicht, es entstand kein Vertrauensverhältnis."
Aber auch auf Seiten der BrieffreundInnen in der Freiheit beobachte sie Missbrauch. Menschen, denen es in ihrem eigenen Leben an sozialen Kontakten oder an Bedeutung fehle, suchten auf diese Weise nach Ersatz.
Jennifer Pfiffners Engagement gegen die Todesstrafe ist eigentlich erst im Laufe dieser Brieffreundschaften erwacht. Keineswegs sei sie schon immer eine Gegnerin gewesen. In ihrer Kindheit, so erinnert sie sich, wurde die Todesstrafe in der Familie oder im Bekanntenkreis hin und wieder "für die ganz schlimmen Fälle" gefordert. Nur zögerlich seien bei ihr später erste Zweifel an deren Rechtmässigkeit aufgetaucht. Etwa als ihr bewusst wurde, dass aufgrund von Justizfehlern auch unschuldige Menschen hingerichtet werden. Oder als sie genaueres über die skandalösen Hinrichtungspraktiken in den verschiedenen Länder erfuhr.
Heute ist sie entschieden und strikt gegen jede Todesstrafe: "Weil niemand das Recht hat, jemanden zu töten." Sie weiss, dass ihre Protestbriefe an die us-amerikanischen Behörden, die sie ebenfalls regelmässig schreibt, wenig Wirkung haben. In den USA warten zurzeit mehr als 3500 Menschen auf ihre Hinrichtung. Jennifer Pfiffner ist daran, sich mit anderen BrieffreundInnen und GegnerInnen der Todesstrafe zu vernetzen. Die Motivation dafür ist ihre Überzeugung, "dass meine Briefe Licht ins Leben von Mark Lankford bringen - und umgekehrt."
Jennifer Pfiffner freut sich auf den Herbst dieses Jahr: Wenn alles klappt, wird sie im Oktober 2004 Mark Lankford zum ersten Mal persönlich gegenüberstehen. Seit dem Dezember 2003 nämlich wird Lankford im Gefängnis von Boise/Idaho nicht mehr als Todeskandidat behandelt, sondern ist in einer gewöhnlichen Doppelzelle untergebracht. Nach zwanzig Jahren in einer zwei auf drei Meter kleinen Isolationszelle erlebte er zum ersten Mal wieder Weihnachten in Gesellschaft anderer Menschen. Und er darf endlich Besuche empfangen - unter anderem hoffentlich auch Jennifer Pfiffner.
Mark Lankford wurde 1984 im US-Bundesstaat Idaho zum Tode verurteilt, weil er ein Ehepaar überfallen und getötet haben soll. Er bestritt seine Schuld von Anfang an, hatte aber in einem gelinde gesagt fragwürdigen Verfahren keine Chance. Hauptbelastungszeuge war sein eigener Bruder Bryan, der mittlerweile jedoch mehrfach gestanden hat, dass er die Tat alleine beging. Marks Fehler war es, dass er seinem Bruder später bei der Beseitigung der Leichen half. Die Staatsanwaltschaft wollte aber unbedingt beide Brüder wegen Mordes verurteilen. Sie schloss mit Bryan einen geheimen Handel: Belaste er seinen Bruder Mark vor Gericht, bliebe ihm selbst die Todesstrafe erspart. Bryans Aussage bedeutete das Todesurteil für Mark Lankford.
Mark Lankford kämpft seit bald zwanzig Jahren für die Wiederaufnahme seines Verfahrens. Obwohl sein Bruder inzwischen zweimal schriftlich seine damalige Aussage widerrufen hat, weigert sich der Staat Idaho bisher hartnäckig, das Fehlurteil aufzuheben. 2003 jedoch hat sich Mark Lankfords Situation entscheidend verbessert: Ein Urteil des 9. Appellationsgerichtshof der USA stellte in einem anderen Fall fest, dass nur von einem Geschworenengericht gefällte Todesurteile verfassungskonform seien. Alle Verfahren, in denen das Todesurteil auf einen Richterbeschluss zurückgeht, müssten neu verhandelt werden - auch rückwirkend. Dies betrifft vor allem die US-Bundesstaaten Arizona, Montana - und Idaho. Dort gehört Mark Lankford zu jenen Todeskandidaten, deren Urteil ein Richter verhängt hat.
Weitere Informationen: Alive e.V., Postfach 1326, D-46363 Bocholt, Deutschland. E-Mail: info@alive-gegen-todesstrafe.de
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