FriZ 1/2004

Im Jahr 2005 sollen weltweit 1000 Frauen den Friedensnobelpreis für ihre unermüdliche Friedensarbeit erhalten. Mutige Friedensfrauen und ihre Friedensbemühungen sollen dadurch weltweit sichtbar gemacht werden. Von Ruth-Gaby Vermot

1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 - eine verrückte Idee!?

Seit vielen Jahren besuche ich als Mitglied der Schweizer Delegation beim Europarat Krisen- und Kriegsländer: Aserbeidschan und Armenien, Bosnien/Herzegowina und Kosova, Serbien, Georgien und Tschetschenien...

Überall treffe ich Frauen, die ohne Aufhebens Aufbau- und Friedensarbeit leisten. Sie beschaffen unter oft schwierigsten Umständen Medikamente, suchen nach Vermissten und begraben unter Lebensgefahr die Toten. Sie kämpfen um Nahrung für die Hungernden und um bessere Unterkünfte für die Flüchtlinge. Sie erteilen verwaisten Kindern Unterricht, um sie von den grausamen Kriegserlebnissen abzulenken. Sie ermutigen Mütter, die Leiden ihrer kriegsversehrten Kinder immer wieder zu denunzieren. Sie verurteilen unerbittlich Folter, Mord und Verschleppungen und dokumentieren mit geheimen Fotos die Greueltaten der Kriegsparteien. Sie gehen auf die Strasse und halten gegen den Willen der Behörden auf öffentlichen Plätzen Mahnwachen. Es sind die Frauen, die Opfer der Kriege sind, es sind Frauen, die ihre Toten beweinen und mit Nachdruck zum friedlichen Aufbruch drängen: Mutig, zielstrebig und ohne Rücksicht auf die eigene Person versuchen sie eine neue Friedenskultur zu schaffen.

Der Friedensnobelpreis gehört den Frauen

Der Kontakt mit diesen Frauen und die Einsicht, dass ihre Arbeit kaum Spuren hinterlässt, liess mich nicht mehr los. Ich wusste, dass diese konkrete und beeindruckende Friedensarbeit von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten endlich sichtbar gemacht werden muss. Es geht nicht an, dass in der offiziellen Konfliktbearbeitung und bei Friedensgesprächen noch immer weit mehr Warlords denn Peacequeens an den Verhandlungstischen sitzen und allein über Kriegsnachsorge, Präventionsstrategien und Demokratisierungsprozesse entscheiden. Das kostbares Wissen, die Kompetenzen und Erfahrungen der Frauen dürfen nicht weiterhin ausgegrenzt werden. Damit nahm die Idee der "1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005" langsam Form an.

Das Ungleichgewicht spiegelt sich übrigens auch in der Vergabe des prestigeträchtigen Friedensnobelpreises wieder. Seit seiner Gründung 1901 wurde der Preis 80 mal an Staatsmänner, 20 mal an Organisationen und nur elf mal an Frauen vergeben.

Sichtbarmachen und wissenschaftlich erforschen

Das Kernstück des Projektes ist die Dokumentation, denn wer den Friedensnobelpreis erhält, entscheiden andere. Wir wollen jedoch, dass die Friedensfrauen, ihre Arbeit und ihre verschiedenen Wege zum Frieden sichtbar gemacht werden. Filmemacherinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen und Fotografinnen aus den jeweiligen Regionen werden daher die ausgewählten Frauen portraitieren, ihre Geschichten um Erfolg und Misserfolg aufschreiben und Bilder über ihre Arbeit schaffen. Die Dokumentation soll weltweit zeigen, was Friedensfrauen leisten.

Wissenschafterinnen wollen gleichzeitig Forschungsarbeit leisten und die unterschiedlichen Friedenswege, -instrumente und

-erfahrungen der Frauen wissenschaftlich begleiten. Damit tragen sie dazu bei, dass die Erkenntnisse der Konfliktbewältigung in verschiedenen Weltregionen in staatliche und zivilgesellschaftliche Friedensprojekte einfliessen.

Die Vision verwirklichen

Im März 2003 sind wir - eine Handvoll engagierter Frauen - mit dem Projekt gestartet. Wir gründeten einen Verein und bemühten uns um eine Startfinanzierung, die wir vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten erhielten.

Für die Projektkoordination wurde eine Geschäftsstelle gegründet. Die beiden Projektmanagerinnen Maren Haartje, Fachfrau für Gender- und Friedensforschung, und Rebecca Vermot, Politologin und Journalistin, begannen weltweit mit der Suche nach geeigneten Koordinatorinnen. Heute arbeiten wir mit 17 Frauen zusammen, die alle bereits seit Jahren Friedensarbeit leisten und über weit verzweigte Netze von Friedensorganisationen verfügen.

Koordinatorinnen auf der Suche nach Friedensfrauen

Im Koordinatorinnen-Treffen Ende August in Bern, einigten wir uns auf eine gemeinsame Friedensdefinition, die den Schutz vor Diskriminierung und Gewalt, Recht auf Bildung, politische Partizipation, medizinische Versorgung, Familienplanung, Besitzregelung, freier Zugang zu Ressourcen und Rechtsstaatlichkeit beinhalten soll. Nur so können wir der vielfältigen Friedensarbeit von Frauen aller Bevölkerungsschichten - von der Ministerin über die Professorin bis zur landlosen Frau gerecht werden.

Gleichzeitig erarbeiteten wir massgebliche Kriterien, für die Auswahl der Frauen. Auch Negativkriterien wurden definiert, denn wir wollen weder korrupte noch betrügerische Frauen nominieren.

Für die geographische Verteilung der Friedensfrauen nehmen wir die Angaben des globalen Konfliktbarometers zu Hilfe. Letztes Jahr wurden 173 Konflikte registriert, von denen 42 gewaltsam ausgetragen wurden. 131 Konflikte dagegen wurden gewaltfrei gelöst. Wir konzentrieren uns jedoch nicht nur auf Krisenregionen, sondern auch auf Frauen, die sich ausserhalb von Konfliktgebieten für eine friedliche Zukunft einsetzen. Jedes Land soll eine Friedensfrau ernennen können.

Die Koordinatorinnen haben, zurück in ihren Ländern, gleich begonnen, mit ihren Netzwerken zu arbeiten, zu informieren und zu organisieren. Sie halten Treffen ab und finden Friedensfrauen, die mögliche Kandidatinnen sind. Die Zeit ist knapp - bewusst knapp - denn das Projekt soll nicht Jahre dauern - es soll vor allem ausstrahlen.

Finanzen - ein knappes Gut

Das Projekt ist nur machbar, wenn wir auch die nötigen Finanzen zusammentragen können. Wir wenden uns an Stiftungen, Banken, einfache Leute und vermögende Personen, hoffend, dass der Funke springt. Wir haben zudem eine "Friedensaktie" zu 1000 Franken lanciert, die wir anbieten, und die auch organisations- oder gruppenweise gekauft werden können. Nur wenn wir die notwendigen Finanzen zusammenbringen können, gelingt unser Projekt - Friede ist eben nicht gratis zu haben!

Autorinnenzeile

Ruth-Gaby Vermot ist Präsidentin des Vereins "1000 Frauen". Ausserdem vertritt sie die SP im National- und Europarat. Weitere Informationen zum Projekt gibt's im Internet:www.1000peacewomen.org

Postadresse: 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005, c/o swisspeace, Sonnenbergstrasse 17, Postfach, 3000 Bern 7. Für Spenden: Berner Kantonalbank, Tausend Frauen, PC 30-106-9


Die Preisträgerinnen

Die 1000 friedenspolitisch engagierten Preisträgerinnen von 2005 sind noch nicht bekannt und müssen erst noch aufgrund Kriterien bestimmt werden. Im August 2003 haben 14 Koordinatorinnen aus verschiedenen Weltregionen und Expertinnen der Universität Bern diese Kriterien, die klar, offen und nicht diskriminierend, jedoch streng sind, erarbeitet. Das gemeinsame Aushandeln der Kriterien verhindert, dass einzig die westliche Perspektive als Basis für Friedensarbeit dient. Frieden hat viele Aspekte, ist umfassend und beruht auf der Grundlage der Menschlichen Sicherheit.

Die Koordinatorinnen sind Frauen in grenzüberschreitenden Netzwerken, sie haben Kenntnis ihrer Weltregion und vor allem Kenntnisse der Frauen- und Friedensarbeit. Sie und die Preisträgerinnen sind insbesondere in den folgenden Bereichen tätig:


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