FriZ 1/2004

Ein neues Buch zeigt auf, welche Perspektiven der Genderblick in der Konfliktanalyse eröffnet. Von Peter Schneider

Männerkrieg - Frauenfrieden?

Kriegführende Männer und darunter leidende, friedliebende Frauen: plakativer geht's nicht. Und das ist volle Absicht. Denn kaum ist das Klischee heraufbeschworen, wird es nach Strich und Faden auseinandergenommen und zwar - dies ist eine grosse Stärke des Buches - aus ganz verschiedenen Blickwinkeln: Sind Frauen in so genannten Friedenszeiten etwa nicht Opfer von Männergewalt? Wer verbreitet überhaupt solche Bilder und warum? Welche Frauen sind jeweils gemeint? (Zum Beispiel die unterdrückten afghanischen Frauen, die - von der Weltpolitik allzu lange ignoriert - auf einmal zur Legitimation eines Krieges herhalten mussten.) Auch werden in Kriegszeiten je nach Bedarf ganz andere Frauenbilder heraufbeschworen: Heldenmütter, Kämpferinnen an der Heimatfront und dergleichen mehr.

Besonders geglückt ist im vorliegenden Buch gerade die Diskussion der Opferrolle. Dazu wird keineswegs nur die These der Mittäterschaft von Christina Thürmer-Rohr herangezogen: Die junge Theologin Maria Katharina Moser spürt den historischen Wurzeln und den verschiedenen Bedeutungen des Begriffes in unterschiedlichen Zusammenhängen nach und zeigt, dass die Dialektik des Begriffspaares Opfer und Krieg viel facettenreicher ist, als die erste Assoziation, nämlich Frauen als Opfer par excellence in kriegerischen Auseinandersetzungen, dies vermuten lässt. Ohne Appell an die Opferbereitschaft von Männern und Frauen und ohne Rückgriff auf den ganzen Ballast religiöser Anklänge dieses Begriffes wären Kriege auch in unserem sekulären Zeitalter schwerlich zu legitimieren und letztlich kaum führbar.

Erst die konsequente Zurückweisung der Opferrolle und anderer Ihr von Männern zugedachter Identitäten versetzt Frau in die Lage, aktiv zu werden und sich in Kriegs- und Friedenszeiten für Ihre Rechte einzusetzen.

Das Buch "Männerkrieg und Frauenfrieden" dokumentiert eine Ringvorlesung des Wintersemesters 2002/2003 an der Universität Salzburg. Die meissten Aufsätze - aber nicht alle - stammen aus Frauenfeder und die unterschiedlichen Hintergründe und Forschungsgebiete der AutorInnen tragen viel zum Reichtum dieser Sammlung bei. Breiten Raum nehmen die Theologinnen ein. Im einzigen Beitrag aus der Schweiz zeigt Yvonne Joos von der cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit Gemeinsamkeiten der feministischen Theologie und der feministischen Friedensforschung auf sowie Ansätze, wie sich beide ergänzen könnten.

So entpuppt sich das an den Anfang gestellte Klischee als bestens gewählter Ausgangspunkt um, ohne das konkrete Leid von Frauen in Kriegssituationen zu verharmlosen, zu zeigen, wie viele Aspekte dem Thema Geschlechterrollen in Kriegszeiten abzugewinnen sind. Auch einige eher exotisch anmutende Beiträge - mehr soll hier nicht verraten werden - bereichern die bunte Auslegeordnung. Mehr als eine solche ist das Werk aber selten: Wer einen speziellen Blickwinkel vertiefen möchte, wird auf die umfangreich zitierte Fachliteratur verwiesen. Die Beiträge selbst sind auch ohne Rückgriff auf Sekundärliteratur leicht verständlich und verlangen keine Vorbildung im Bereich feministischer Theorien. Daher ist das Buch gerade auch für Frauen und Männer ohne solchen Hintergrund empfehlenswert und zeigt eindrücklich, was die Genderperspektive zur Analyse von Konflikten beizutragen hat.

Buchangaben

Männerkrieg und Frauenfrieden - Geschlechterdimensionen in kriegerischen Konflikten; Promedia Wien, 2003. 207 Seiten, Fr. 30.80. ISBN 3-85371-207-X


Inhaltsübersicht nächster Artikel