"... die Zivilgesellschaft in allen ihren Formen war eingekesselt von einer einzigen Partei- und Staatsorganisation." Das notierte Antonio Gramsci in den 30er Jahren in seinen Quaderni del carcere in einem der Gefängnisse Mussolinis. 1935 stellte er fest: "Erst heute, nach der Demonstration der Brutalität und der unglaublichen Schande der deutschen 'Kultur' die von Hitlertum beherrscht wird, wird sich mancher Intellektuelle darüber klar, wie fragil die moderne Zivilisation war ..." Sigmund Freud fügte fast zu selben Zeit seiner kulturpessimistischen Schrift "Das Unbehagen in der Kultur" einen Satz an, der die leise Hoffnung, mit der er sein Buch hatte enden lassen wollen, wieder stutzte. "Und nun ist zu erwarten, dass die andere der beiden 'himmlischen Mächte', der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit einem ebenso unsterblichen Gegner (dem Destruktionstrieb) zu behaupten." So hatte Freud die Schrift ausklingen lassen wollen. Mit der offensichtlichen Unabwendbarkeit des Nationalsozialismus sah sich Freud genötigt, einen allerletzten Satz hinzuzufügen: "Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?" Karl Kraus eröffnet seine Schrift "Die dritte Walpurgisnacht" 1933 mit den Sätzen: "Mir fällt zu Hitler nichts ein. Ich bin mir bewusst, dass ich mit diesem Resultat längeren Nachdenkens und vielfacher Versuche, das Ereignis und die bewegenden Kräfte zu erfassen, beträchtlich hinter den Erwartungen zurückbleibe." - Tempi passati, das haben wir doch wohl hinter uns, vor uns höchstens noch einen "Clash" der Zivilisationen.
Die ersten drei Zitate stammen von sehr unterschiedlichen Intellektuellen der 30er Jahre, die allerdings in einem übereinzukommen schienen: ihrer Ohnmacht - und ihrem Nicht-Verstummen. Der "Clash" stammt auch von einem Intellektuellen - unserer Tage. Man könnte Beliebiges anfügen, was aus gewissen Thinktanks (nicht nur in den USA) dünstet, oder zurückgreifen auf einen Martin Heidegger im Jahre 1934: Intellektuelle, die vorgreifen auf das, was schon Tatsache werden wird.
Was hat das zu tun mit dem Titelwort "zivil". Ziemlich viel. Das Wort enthält, seit es im Deutschen auch gebräuchlich wurde (weil "bürgerlich" etwas unscharf geworden mit den Zeiten) immer auch Sprengkraft; richtete sich gegen die Klerisei zunächst und dann gegen jede Uniform. Man spürt die Gefährlichkeit des Worts noch am bösen Spott gegen "Zivilisten" aller Art, die je "Untauglichen" für das Faktische, das kommt, ob unsereins das will oder nicht. "Unsereins" aber wäre immer die "Mehrheit" gegen die "Facts", die wir nicht wollen, aber wir wissen es nicht. Mindestens vierfünftel der fünf Milliarden wären es hienieden - und wissen es (noch) nicht.
In Grimms Deutschem Wörterbuch (im letzten Band) kommt das Wort "Zivilcourage" als eigener Titel nicht vor. Im Fremdwörterduden ist hingegen folgendes zu lesen: "mutiges Verhalten, mit dem jmd. seinen Unmut über etw. ohne Rücksicht auf mögliche Nachteile gegenüber Obrigkeiten, Vorgesetzten o.ä. zum Ausdruck bringt." Schön gesagt! Der Duden mindestens hat es deutsch und deutlich registriert! Was eigentlich? Das, was unsereins vielleicht zuinnerst irgendwo und irgendwie immer wieder mal möchte. Vom "moralischen Gesetz in mir" hat Kant mal (am Ende einer Kritik der praktischen Vernunft) mit einigem Pathos gesprochen und dabei den "bestirnten Himmel über mir" nicht vergessen. Der Himmel war schon für Kant, den Intellektuellen gegenüber preussisch militärischer Macht, keiner mehr, der je hätte "Opium des Volks" (Marx) werden können. Aber schon Kant - und unsereins überhaupt - wusste und weiss, dass "Courage", wenn es denn wirklich eine ist, immer nur "zivil" sein kann.
Manfred Züfle ist Schriftsteller, Publizist und Intellektueller. Er war Präsident und Sekretär der ehemaligen Gruppe Olten und wird für ein Jahr die Kolumne in der friZ schreiben.
Lektüre-Kurs mit Manfred Züfle zu Antonio Gramscis "Quaderni del carcere" (Gefängnishefte). Organisiert von der SP Kanton Zürich. Kosten (inkl. Imbiss): SP-Mitglieder Fr. 80.-, Nichtmitglieder Fr. 160.-, Menschen mit wenig Geld Fr. 45.-
Jeweils Dienstag, 27. April, 4. und 11. Mai 2004, 19-21 Uhr, im Volkshaus Zürich. Anmeldung bei: Stiftung SP Bildung, Regula Götsch, Thalwiesenstrasse 26, 8302 Kloten. Tel 018136738, Fax 018136649, spbildung@spzuerich.ch, www.spzuerich.ch/spbildung
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