Es ist Pfingsten, zufälligerweise Pfingsten, was mich immerhin veranlasste, wieder einmal in der Bibel, in der "Apostelgeschichte", nachzulesen, was dort wie berichtet wird. Nur schnell nachschlagen wollte ich: der Sturm, die Feuerzungen, der "Geist", das "Reden in Zungen" - und war gefangen vom Autor, diesem Lukas, der in der Einleitung kund tut, eine Fortsetzung schiebe er bloss nach zu seinem "Evangelium". Dieser Lukas ist ein erstaunlicher Autor, ein kühner, der in dieser vielleicht frühesten Werbeschrift für ein eben entstehendes "Christentum" Charaktere entwirft (nicht bloss Paulus, sondern alle Figuren, die er zeichnet), Situationen von grösster Dramatik gestaltet, abenteuerliche Berichte von Reisen - der Schiffbruch vor Malta, könnte in der Odyssee stehen - erzählt. Ich las das zum ersten Mal völlig unbelastet von frommer Andacht, Theologie oder was weiss ich. Und der Text fuhr ein, wie die ersten Märchen, die man mir erzählt hat. Kein Wunder störte mich, kindlich, wenn man denn will, ich erschrak über die Härte, mit der der Geist zuweilen einfährt gegen Schwindler, Lügner, Geldgierige; die fallen immer wieder mal tot um, während Lahme gehen und Tote auferweckt werden. Aber obwohl ich das alles las wie in frühen Jahren mal Karl May, wurde mir natürlich und auch erschreckend klar, mit welcher Wucht hier ein bedeutender Autor Heilsgeschichte in die damals schon entsetzliche Weltgeschichte einzufügen versuchte. Politische Theologie, wenn man denn will, der radikalsten Sorte. Schliesslich endet die Geschichte in Rom, im damaligen Zentrum des Imperiums, wo Paulus mit seiner Botschaft sich dem Gericht der Macht zu stellen nicht scheute.
Beginnen aber lässt er das alles mit Pfingsten und dem Geist. Was soll uns das heute, wer glaubt denn noch an Geist? Ich weiss das nicht so genau. Ein paar der Umstände, der Verhältnisse, in die nach Lukas der Geist einbrach, scheinen mir in seiner Erzählung bis heute bedenkenswert und bedenklich in einem. Dazu möchte ich, wenn denn schon wieder mal Pfingsten war und ich dabei zu einer unerwarteten Lektüre kam, ein Weniges anmerken. Die Brüder und Schwestern (letztere kommen bei Lukas häufiger vor, als man meinen könnte), die Nazoräer, wie sie hauptsächlich von ihren Gegnern genannt wurden, lange bevor sie sich selber "Christen" zu nennen begannen, waren nach "Karfreitag", "Ostern" und "Auffahrt" wie man das noch heute mindestens kalendarisch im Griff hat, in einer eigenartigen Lage und Verfassung. Irgendwie versuchten sie sich nach all dem zu organisieren, den hingegangenen Judas in einer ordentlichen Wahl zu ersetzen. Im übrigen schienen sie sich irgendwie zurückgezogen, wenn nicht gar eingeschlossen zu haben, suchten keine Öffentlichkeit in diesem für Unruhe allezeit anfälligen Jerusalem, hatten vielleicht auch trotz allen Verheissungen vor allem mal Angst vor allem, was da noch kommen könnte. Und da, erzählt Lukas, sei ein Brausen über sie gekommen in ihrer Abgeschiedenheit. Die Bilder des Feuers für den Geist, den man ja eh noch nicht sieht, sind einleuchtend, auch dass in der plötzlichen Erregung, die alle befallen hat, alle mal wie wild zu reden beginnen. Eigenartig in der Erzählung des Lukas ist bloss, dass man das, was da in einem Kreis geschieht, auch draussen sofort wahrnimmt, den Sturm vor allem, den niemand erwartet hatte. Und da treten die von innen hinaus - und reden weiter. Und jeder, der zuhört, hört etwas, meint irgendwie sich selbst zu hören, wenn die da von Veränderung, Umkehr, den "Grosstaten Gottes" reden; das hatte man doch der Religion im Tempel oben überlassen. Alle seien darob "ausser sich" und "ratlos" geworden, hätten aber immerhin gefragt: "Was soll das bedeuten?" Nur einige hätten sofort gewusst, wie es sich verhält: Klar, die spinnen. Und - mindestens bevor weiter nichts geschah - hatten sie auch die Erklärung: besoffen, des drogués, "sie sind voll des süssen Weines".
Manfred Züfle ist Schriftsteller, Publizist und Intellektueller. Er war Präsident und Sekretär der ehemaligen Gruppe Olten und schreibt für ein Jahr die Kolumne in der friZ.
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