«Wenn ich schon nicht mehr in die Welt hinaus kann, dann hol ich die Welt zu mir nach Hause.» Das sagte sich vor vielen Jahren eine Thurgauer Bauersfrau und liess sich deshalb bei Servas auf die Gastgeber-Liste setzen. Und schon bald kamen immer wieder Menschen aller Herren Länder für ein bis zwei Tage auf ihren Bauernhof nahe Weinfelden.
Diese Begegnungen haben auch Katja Schmid, die Tochter der Bauersfrau, geprägt. Heute ist Katja Schmid selbst Servas-Gastgeberin und schon viele Male mit Servas gereist; seit diesem Jahr ist sie ausserdem offizielle Servas-Kontaktperson in der Schweiz.
Servas ist eine Reiseorganisation der besonderen Art: Gegründet wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg von dänischen Studenten. Das Ziel: Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprachen, Religionen und Kulturen zusammenzubringen und so das gegenseitige Verständnis für einander und die Toleranz unter den Menschen zu fördern. Heute gibt es Servas in 127 Ländern. Dort gewähren mehr als 15000 Gastgeberinnen und Gastgeber fremden BesucherInnen Einblick in ihren Alltag.
In der Schweiz gibt es Servas seit über 30 Jahren. Hier sind es zurzeit 230 Gastgeberinnen und Gastgeber, die für Servas-Reisende aus dem In- und Ausland ihre Haustüre öffnen. Die Gastgeber müssen die Reisenden nicht verpflegen, aber selbstverständlich sind gemeinsame Mahlzeiten eine gute Gelegenheit für den Gedankenaustausch. Die Gastgeber müssen auch keine luxuriösen Gästezimmer zur Verfügung stellen – Servas-Reisende schlafen auch im mitgebrachten Schlafsack auf dem Fussboden im Wohnzimmer.
Für den Aufenthalt bezahlen die Gäste nichts. Von ihnen wird jedoch erwartet, dass sie sich für ihre Gastgeber, das Land und die Kultur interessieren. Bloss eine billige Unterkunft, das möchte Servas nicht bieten. Eines aber bietet Servas auf alle Fälle: einen Einblick in das Leben der Gastgeber. Diese erzählen bereitwillig über sich und ihr Land, laden die BesucherInnen zu Familienfesten ein, zeigen auf einem Spaziergang ihre Lieblingsplätze an ihrem Wohnort oder lassen sich von den Gästen bekochen. Manchmal bleibt aber auch nur Zeit für ein Gespräch am Frühstückstisch, bevor der Gastgeber zur Arbeit aufbrechen muss. Je nach dem, wie der Alltag des Gastgebers zurzeit gerade aussieht.
Per E-Mail oder Telefon meldet man sich bei der Anlaufstelle für Servas-Interessierte. Dort wird man an eine Servas-Kontaktperson in der eigenen Wohnregion vermittelt, die man anschliessend für ein kurzes Gespräch trifft. Dieses Gespräch hat zwei Ziele: Servas lernt so die Reisemotive der Interessenten kennen, und gleichzeitig werden alle Fragen rund ums Reisen mit Servas beantwortet. Zusammen füllt man den «Letter of Introduction» aus, eine Art Servas-Mitgliederausweis. Gegen ein Depot von 100 Franken erhält der/die Reisende später die Gastgeber-Adressen in den gewünschten Reiseländern. Ausserdem bezahlen Reisende einen Betrag von 80 Franken pro Jahr. Dieser Betrag geht an Servas zur Deckung des administrativen Aufwands und wird – im Gegensatz zum Depot – nicht zurückbezahlt. Der Jahresbeitrag für GastgeberInnen beträgt 30 Franken. Wer mit Servas reisen will, muss aber selbst nicht GastgeberIn sein.
Das erste Mal mit Servas verreiste Katja Schmid mit 23 Jahren. In Buenos Aires angekommen, rief sie damals vom Bahnhof aus ihre Gastgeberin an – und wenig später stand sie bei ihr vor der Tür. Die Gastgeberin, die gerade am Gehen war, konnte ihr nur noch den Kühlschrank zeigen, den Hausschlüssel in die Hand drücken und sagen: «Um sechs Uhr bin ich wieder zurück.» Dieser Vertrauensbeweis, sagt Katja Schmid, habe sie sehr berührt.
Missbraucht wird dieses Vertrauen fast nie. Das liege wohl daran, dass Servas-Reisende die gleichen Werte haben und die Offenheit ihrer Gastgeber sehr schätzen, meint Katja Schmid. Auch sie hat regelmässig Servas-Reisende bei sich zu Hause in St. Gallen zu Gast. Zum Beispiel Menschen, die auf dem Jakobsweg pilgern. Je nachdem, was ihr eigener Zeitplan zulässt, schaut sie sich mit dem Gast zum Beispiel ein Theaterstück an oder nimmt ihn mit an eine Party. Manchmal bleibt aber auch nur Zeit für ein paar Ausflug-Tipps in der Region.
Grundsätzlich funktioniert Servas auch heute noch so wie vor einem halben Jahrhundert. Kleine Optimierungen werden aber laufend gemacht, sagt Katja Schmid. So ist geplant, die Servas-Dienstleistungen vermehrt übers Internet anzubieten. Und es sollen mehr regionale Treffen stattfinden, an denen sich Gäste und GastgeberInnen austauschen können. Ausserdem möchte Servas wieder mehr junge und alte Leute für ihre Organisation begeistern. Im letzten Jahr waren rund 100 Leute aus der Schweiz mit Servas unterwegs – in den nächsten Jahren sollen noch mehr Leute mit Servas reisen und so einen einmaligen Einblick in fremde Kulturen erhalten.
Etwas hat sich aber seit 1949 nicht geändert: Das Motto von Servas – ein Satz von Mahatma Gandhi: «Mit jeder aufrichtigen Freundschaft festigen wir das Fundament, auf dem der Friede dieser Welt ruht.»
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