FriZ - Thema der Nr. 2/2007

Wie sind Welthandel und Entwicklung miteinander ver-knüpft? Wer profitiert von welcher Handelsliberalisierung? Wurde die Diskrepanz zwischen Reich und Arm in den letzten Jahren weltweit grösser oder kleiner? Von Detlev Bruggmann

Welthandel und Entwicklung

Doha-Runde. Ist sie jetzt endgültig oder nur vorläufig gescheitert, die jüngste Verhandlungsrunde der Welthandelsorganisation WTO? Was sind die Gründe? Welche Konsequenzen hat dieses Scheitern? Dann kamen Fragen dazu wie: Brauchen die Entwicklungsländer mehr Handel? Nützt ihnen ein freierer Zugang zu unseren Märkten etwas? Wieviel schadet ihnen die Öffung ihrer Märkte für die Unternehmen der ersten Welt? Wie können sich arme Länder erfolgreich entwickeln? Indem sie sich wirtschaftlich öffnen oder durch Abschottung? Wer profitiert eigentlich von der angestrebten weltweiten wirtschaftlichen Öffnung (auch Globalisierung genannt)? Umfassende und abschliessende Antworten auf alle diese Fragen zu geben, würde den Rahmen eines friZ-Schwerpunktes natürlich sprengen. Dazu werden laufend ganze Bücher geschrieben und Studien unternommen, deren Inhalt immer seltener ein schwarz-weisses Ja oder Nein ist. Die Zusammenhänge sind immens komplex, weshalb wir uns im Folgenden auf eine kleine Auslegeordnung zu den Stichworten «Welthandel» und «Entwicklung» beschränken, ergänzt mit Hinweisen auf weitergehende Informationen. Vorab aber drei kurze Antworten zum Einstieg:

Handel & Entwicklung

Fördert Aussenhandel die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes? Die klare Antwort von Nobelpreisträger und Globalisierungsexperte Joseph Stiglitz lautet: Jein. Je nach politischer und wirtschaftlicher Ausgangslage rät er einem Land, Handelsliberalisierungen nur abgestuft und abgefedert einzuführen. Das schlagendstes Argument: «Keines der heute reichen Länder entwickelte sich, indem es einfach dem Aussenhandel Tür und Tor öffnete.»1 Im Gegenteil, jedes von ihnen setzte lange Zeit ein breites Spektrum von staatlichen und tarifären Massnahmen ein, um sich gegen die Konkurrenz mächtigerer Volkswirtschaften schützen zu können. Anstatt heute ein ähnliches Verhalten der Entwicklungsländern zu unterstützen, sind die Industriestaaten weiter stur darauf bedacht, ihre Interessen durchzusetzen. Je länger aber den Entwicklungsländern die Chance abgesprochen wird, wirtschaftlich auf eigene Beine zu kommen, desto tiefer geraten sie in die Abhängigkeit von Entwicklungshilfe von aussen. Aber: «Unsere Handelsbeschränkungen kosten die Entwicklungsländer das Dreifache der Summe, die sie als Entwicklungshilfe unter Berücksichtigung aller Quellen erhalten.»2

Globalisierung

Die Globalisierung und vor allem das wirtschaftliche Zusammenwachsen der Welt schafft gleichzeitig Gewinnerinnen und Verlierer – in den Entwicklungsländern und in den Industriestaaten. Beide Seiten der Medaille werden also selbstverständlich auch in den reichen Ländern sichtbar. Mittlerweile sind in Bezug darauf auch die grossen Globalisierungspusher bei uns in der Realität angelangt: «Die Globalisierung hat auch negative Effekte»3 und «Von der Globalisierung profitieren vor allem die Reichen»4, so die Titel zweier Zeitungsartikel zu zwei neueren Untersuchungen zu den Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung in den Industriestaaten. Im ersteren Fall belegt die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dass der weltweite Konkurrenzkampf auch bei uns zu Entlassungen führt. Der zweite Artikel betrifft eine Studie der UBS, die feststellt, dass sich die Einkommensschere in den sieben grössten Industriestaaten (G7) in den letzten Jahren deutlich geöffnet hat – wegen der Globalisierung.

Doha-Runde

Zur eingangs gestellten Frage: Ja, die Doha-Runde ist wohl endgültig zum Scheitern verurteilt. Das jüngste Treffen der etablierten Industriestaaten (vertreten durch die EU und die USA) mit den aufstrebenden Ökonomien der Zukunft (vertreten durch Indien und Brasilien) endete im Juni 2007 in Potsdam mit einem Fiasko: Die indischen und brasilianischen Verhandlungsteilnehmer reisten unter Protest vorzeitig ab, weil die reichen Staaten auf ihrer Position beharren.

Fussnoten

1 Joseph Stiglitz und Andrew Charlton: «Fair Trade. Agenda
für einen gerechten Welthandel», 2006, S. 53
2 Jimmy Carter, ehemaliger US-Präsident, am Uno-Entwicklungsgipfel in Johannesburg, Septem-ber 2002 (in Stiglitz: «Fair Trade», S. 70)
3 NZZ vom 20. Juni 2007 über
einen Bericht der OECD (www.oecd.org: «OECD Employment Outlook 2007», 18. Juni 2007)
4 Sonntagszeitung vom 29. Oktober 2006 über eine Studie der Schweizer Grossbank UBS (www.ubs.com: UBS Investment Research, «Unequal Economies», 12. Oktober 2006). Höre dazu auch die Radiosendung «Globalisierung in Gefahr?» vom 30. Juni 2007 (Radio DRS 1, Trend)


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