FriZ 1/2008

Im Februar 2008 haben Schweizer Zivildienstleistende erstmals gelernt, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Diese sogenannte Friedens-Schule wurde von der Gemeinschaft Schweizer Zivildienstleistender GSZ organisiert.

Zivildienstleistende als Friedensstifter

Das Friedensdorf in Broc liegt mitten im idyllischen Greyerzerland. An einem Sonntagabend im Februar 2008 hatten sich hier 17 deutschsprachige Zivildienstleistende, auch Zivis genannt, eingefunden. Den Zivis stand eine Woche Friedens-Schule, ein Pilotkurs zur gewaltfreien Konfliktlösung, bevor. Was sie genau erwartete, konnten sie nur anhand des Programms erahnen. Die Vorfreude war gross, die Erwartungen sehr unterschiedlich. Enttäuscht wurde schliesslich niemand.

Begrüsst wurden die Zivis von Nicolas Zogg, dem Projektleiter der GSZ, und Regine Linder von der Zivildienstbehörde. André Birbaum stellte anschliessend das Friedensdorf vor und führte ins Thema ein. Dass die Wahl des Kursortes auf das Friedensdorf in Broc fiel, liegt an der thematischen Nähe. Zum einen verfügt es neben einer Gruppenunterkunft mit 50 Betten über die nötige Infrastruktur für Kurse. Zum andern wird es auch von einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Umfeld unterstützt, die den Verein Friedensdorf tragen. 

Intensives Programm

Von Montag bis Freitag stand anschliessend ein intensives Programm auf dem Plan. Verschiedene Referentinnen und Referenten vermittelten den Zivis die Grundkenntnisse, die es braucht, um Konflikte gewaltfrei zu lösen. Am Montag führte Irena Zweifel vom Schweizerischen Roten Kreuz ins Thema Kommunikation ein. Verschiedenen Kommunikationsarten - u.a. das Ohrenmodell von Schulz von Thun und die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg - bildeten neben vielen Übungen die Schwerpunkte des Tages. Am Abend lieferte Peter Sladkovic nach dem Essen einen Input zum Thema Männlichkeit.

Hanna Maeder vom Forum für Friedenserziehung vertiefte am Dienstag den Umgang mit Gefühlen und Emotionen. Wie zeigen sich Gefühle im Körper? Wie bewerte ich diese? Was für Bedürfnisse stehen dahinter? Diesen Fragen stellten sich die Zivis. Für einige war dieser persönliche Ansatz anstrengend, andere fanden ihn bereichernd. Vom vorherigen Abend zum Teil erschöpft, wurde das Bedürfnis nach einer längeren Pause am Nachmittag deutlich. Von da an wurde mit einem lockeren Abendprogramm und gekürzten Unterrichtszeiten weitergefahren.

Konfliktanalyse und Intervention

Der Mittwoch und Donnerstag wurde von Gabor Kis vom Kompetenzzentrum für interkulturelle Konflikte TikK gestaltet. Verschiedene theoretische Inputs, wie z.B. zu den Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl und den Dimensionen von Konflikten, sowie viele Rollenspiele ermöglichten es den Zivis selbständig Konflikte zu beurteilen. Darauf aufbauend wurden mögliche Interventionsformen entwickelt und geübt, am Donnerstag in Anwesenheit eines Filmteams.

Andi Geu und Apo Bulut vom National Coalition Building Institute erarbeiteten am Freitag mit den Zivis den Umgang mit Rassismus. Wie entstehen Vorurteile? Wie kann man auf rassistische Äusserungen reagieren? - dies sind nur zwei der Fragen, die am letzten Tag behandelt wurden. Mit dem Kursende verbunden waren auch die Aufräum- und Putzarbeiten, die während der Pausen erledigt wurden. Zu guter Letzt erhielten alle Zivis ein Zertifikat, und es blieb nichts anderes übrig, als Abschied zu nehmen.

Sehr positive Eindrücke

Trotz der Ermüdung, die sich am Ende des Kurses bemerkbar machte, waren die Rückmeldungen der Teilnehmer (Tages- und Wochenauswertung) sehr positiv. Die Inhalte seien kompetent und abwechslungsreich vermittelt worden, der Ablauf flexibel den Bedürfnissen angepasst worden. Begeistert waren die Zivis ebenfalls von ihrer Gruppe: Ein dermassen offenes, respektvolles und dennoch kritisches Klima hatten zuvor die Wenigsten erlebt, geschweige denn in einer reinen Männergruppe. Damit lässt sich die These erhärten, dass Zivis schon besondere Männer sind.

Bemängelt wurde zum Teil, dass während der Woche kaum Zeit zur Verfügung stand, um das Erlebte und Erfahrene zu verarbeiten. Dennoch waren Leistungsbereitschaft und Motivation durchwegs vorhanden. Einzelne Zivis kritisierten, dass die ersten beiden Tage zu stark von Elementen der Selbsterfahrung geprägt gewesen seien.

Auch die Referentinnen und Referenten erlebten die Gruppe positiv und konnten auf grosses Interesse und Engagement zählen.

Ungewisse Zukunft

Die Vollzugsstelle für den Zivildienst des Bundes hat ebenso wie alle Zivildienst-Organisationen ein grosses Interesse daran, die Friedens-Schule weiterzuführen. Eine von der Zivildienstbehörde vorgesehene, aber erst sehr vage skizzierte «Zivi-Schule» soll etwa zwei Wochen dauern. In der ersten Woche würden nebst organisatorischen Infos zum Zivildienst ökologische und soziale Kompetenzen, wozu eben auch Konfliktkompetenz gehört, vermittelt. Die zweite Woche soll der einsatzspezifischen Schulung dienen, z.B. Pflegehelfer- oder Landschaftspflegekurse; neu könnten dort für das zu schaffende Schwerpunktprogramm «Jugendarbeit» Konfliktlösungskompetenzen vermittelt werden.

Die Knacknuss liegt bei der Finanzierung. Samuel Werenfels, Leiter der Zivildienstbehörde, zeigte sich anlässlich seines Besuchs der ersten Friedens-Schule erfreut. Der Nutzen für die Zivis steht in den Augen des Projektleiters bereits heute fest, muss jedoch auch noch mit Befragungen bestätigt werden. Das gleiche gilt für den Nutzen für die Einsatzorte. Nun werden die bisher gesammelten Erfahrungen und Eindrücke zusammengefasst und ein Vorschlag für die Weiterführung erstellt.

Konfliktprävention im öffentlichen Raum

Parallel dazu werden im Frühjahr und Sommer 2008 erstmals Zivis zur Konfliktprävention im öffentlichen Raum eingesetzt. Zu zweit werden sie in einer Gemeinde unterwegs und auf Plätzen und in Parks präsent sein - einfach überall da, wo sich Menschen aufhalten. In Gesprächen erkunden sie die Bedürfnisse dieser Menschen und gehen Konfliktursachen auf den Grund. Ihre Wahrnehmungen tragen sie zu ihrer vorgesetzten Stelle, der Jugendarbeit, und zu weiteren Stellen und Behörden. Wie weit in der vorgesehenen Einsatzzeit von drei Monaten daraus Massnahmen entstehen, richtet sich stark nach der jeweiligen Gemeinde, genauso wie die jeweiligen Aufgaben. Für diesen Einsatz werden noch dringend Zivis gesucht!


Das Projekt Friedens-Schule

Vor rund zwei Jahren wurde in Zivildienstkreisen die Frage intensiv diskutiert, wie Friedensarbeit, Konfliktlösung und Gewaltprävention Bestandteil des Zivildienstes werden könnten. In der Regel hat sich ja jeder Zivildienstleistende intensiv mit dem Thema Gewalt auseinander gesetzt und ist bereit, sich für einen gewaltfreien Umgang mit Konflikten einzusetzen. Diese Einstellung bietet ein grosses Potential für Frieden und Sicherheit, das gerade in der heutigen Zeit nicht ungenutzt bleiben darf.

Aus der breiten, vom Kompetenzzentrum für Friedensförderung (KOFF) initiierten Diskussionsrunde Ende Februar 2006 entstand eine Arbeitsgruppe im Schweizer Zivildienstkomitee, die ein erstes Konzept ausarbeitete. Diese Arbeitsgruppe gab sich und dem Projekt den Namen «Zivildienstleistende für Frieden und Sicherheit» (ZFS) und wurde rechtlich Teil der «Gemeinschaft Schweizer Zivildienstleistender» (GSZ).

Mit dem mehrfach überarbeiteten Konzept für die Friedens-Schule wandte sich schliesslich Projektleiter Nicolas Zogg im April 2007 an die Vollzugsstelle für den Zivildienst, Zentralstelle in Thun. Die Eidgenössische Kommission für Ausländerfragen EKA machte ihren finanziellen Beitrag an das Projekt von der Unterstützung der Zivildienstbehörde abhängig. Da die Zivildienstbehörde selbst eine eigentliche Zivi-Schule plante, in der auch Konfliktfähigkeit als soziale Kompetenz erworben werden soll, konnte sie das Projekt finanziell unterstützen. Zudem war sie bereit, den Kurs als Zivildiensteinsatz zu anerkennen. Trotz weiterer grosszügiger Unterstützung ist es aber bis heute nicht gelungen, die gesamten Kosten zu decken.

Beschreibungen zu den Projekten von ZFS sowie die Ergebnisse der Umfrage sind nachzulesen auf der Homepage der GSZ: www.civil.ch Das Programm der ZFS und ihre Projekte sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen: PC 87-677697-1, Vermerk ZFS. Über Fragen und Anregungen freut sich Projektleiter Nicolas Zogg (Telefon 055 615 50 22, E-Mail zfs@civil.ch).

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