FriZ - Kolumne aus Nr. 1/2008

Hebron

Die Altstadt von Hebron ist wohl der eigenartigste Ort, den ich kenne. Die meisten Fensterläden und Türen sind verriegelt. Es fahren kaum Autos auf den Strassen, nur vereinzelt kommen mir Fussgänger mit gesenktem Kopf entgegen. Ein paar hundert Meter weiter dagegen brodelt das Leben, die Luft ist erfüllt von Gewürzen und Speisen. Es herrscht, wie überall im Nahen Osten, ein buntes Markttreiben. Nicht so im ehemaligen Herzen dieser Stadt, die eine Geisterstadt geworden ist. Anspannung liegt in der Luft. Normalerweise würde ich jetzt rechtsum kehrtmachen.

Für drei Monate wird Hebron mein zu Hause sein, da ich am Programm von Peace Watch Switzerland teilnehme. Die lokalen Kirchen in Jerusalem haben nach dem Ausbruch der zweiten Intifada dazu aufgerufen, etwas gegen die Besetzung der palästinensischen Gebiete zu unternehmen und langfristig auf eine friedliche Lösung hinzuarbeiten. Dafür hat der Ökumenische Rat der Kirchen mit Sitz in Genf das internationale Projekt «ökumenisches Begleitprogramm in Israel und Palästina» ins Leben gerufen.

Hebron ist seit den Osloer Verträgen in zwei Gebiete unterteilt: H2 untersteht der israelischen Verwaltung (Zivil- und Militärverwaltung); hier ist den PalästinenserInnen die Benutzung gewisser Strassen untersagt. Durch die starke Einschränkung der Bewegungsfreiheit und wegen der langen Ausgangssperren während der zweiten Intifada kam der Handel im Herzen der Altstadt in den letzten Jahren fast vollständig zum Erliegen. H1 wäre eigentlich der palästinensischen Verwaltung unterstellt, seit 2002 übt jedoch die israelische Armee die Kontrolle über die ganze Stadt aus.

Es sind vor allem die jüdischen Siedler, die in Hebron das Alltagsleben der palästinensischen Bevölkerung erschweren. Wir begleiten die palästinensischen Kinder der Cordoba-Schule, die an Siedlungen vorbeigehen müssen und von dessen BewohnerInnen immer wieder beschimpft oder angegriffen werden. Die Polizei sollte anwesend sein oder die Gegend patrouillieren, um die jüdischen Siedler notfalls bei Übergriffen zu stoppen. Wir stehen jeden Morgen neben zwei Kontrollposten der israelischen Armee und schauen, ob die Kinder die Kontrolle unbehelligt passieren dürfen. Den Lehrerinnen ist es erlaubt, durch das Tor neben dem Kontrollposten zu gehen, weil der Metalldetektor langfristig ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen könnte.

Bis die Schule am Mittag zu Ende ist, sind wir in der Altstadt präsent. Durch unsere Anwesenheit möchten wir der Bevölkerung die Möglichkeit geben, diesen Ort wieder als Lebens- und Handelsraum wahrzunehmen. Wir besuchen Leute in ihren Geschäften zur moralischen Unterstützung. Immer wieder hören wir, wie froh die Leute über unsere Anwesenheit sind.

Einige einheimische palästinensische Familien sind inzwischen von Siedlungen eingekreist und getrauen sich kaum noch aus ihren Häusern. Sie haben Angst, dass die Siedler ihr Haus besetzen oder demolieren. Deswegen können die Betroffenen nur schwer einer geregelten Arbeit nachgehen und sind von den Nahrungspaketen des IKRK abhängig. Die Siedler wollen die palästinensische Bevölkerung vertreiben, weil die zionistische, religiöse Bewegung Hebron als eine der wichtigsten jüdischen Pilgerstätten ansieht.* Am Wochenende besuchen wir Dörfer in den südlichen Hügeln von Hebron, wo die Palästinenserinnen und Palästinenser ebenfalls unter Übergriffen seitens der Siedler leiden.

Schon nach den ersten drei Wochen in Jerusalem und Hebron realisiere ich, dass das Thema der Besatzung mich ununterbrochen durch die nächsten drei Monate begleiten wird. Jeder Aspekt des Lebens wird davon betroffen. Mein Leben in der Schweiz scheint Lichtjahre entfernt zu sein.

Erika Steinmann arbeitet seit bald zehn Jahren als Psychiatrieschwester auf einer Akut- und Rehabilitationsabteilung. In den letzten Jahren hat sie die Matura nachgeholt und ein Studium in Rechtswissenschaften absolviert. Wenn immer möglich reist sie für zwei bis drei Monate pro Jahr mit einem Rucksack durch die ganze Welt (www.erika-geschichtenausallerwelt.blogspot.com).
Seit Mitte Februar 2008 lebt sie in Jerusalem und Hebron, um für drei Monate Freiwilligenarbeit zu machen. Sie wird als
Beobachterin der Menschenrechte von Peace Watch Switzerland (PWS, www.peacewatch.ch) und in Israel von Ecumenical
Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI, www.eappi.com) entsendet.

Fussnote

Nach der Überlieferung befinden sich die Gräber von Abraham, Sarah, Isaac, Rebecca, Jakob und Leah in Hebron und somit ist die Stadt auch für Muslime und Christen eine wichtige Pilgerstätte. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hebron).

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