friZ 2/2008

Antworten auf die Frage, was zurzeit im Irak wirklich geschieht, liefert das neue Buch des Autors und ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Jürgen Todenhöfer. Von Beat Luder

Warum tötest du, Zaid?

Wir alle kennen die TV-Bilder von Bombenanschlägen, brennenden Autos und blutüberströmten Menschen aus dem Irak. Von Terror ist die Rede, von Selbstmordattentätern und Al Qaida, Kommentatoren weisen auf religiöse Gruppierungen, bürgerkriegsähnliche Zustände und die schwierige Aufgabe der Amerikaner hin. Dass das, von «eingebetteten» Journalisten und dem Pentagon vermittelte Bild in ewig gleichen Nachrichten wohl nicht die ganze Wahrheit sein kann, vermuten wir alle. Der Medienmanager, Buchautor und ehemalige Abgeordnete der CDU, Jürgen Todenhöfer, der schon in jungen Jahren durch eine waghalsige Reise ins - damals von der Sowjetunion - besetzte Afghanistan von sich reden machte, wollte es genauer wissen und reiste selbst hin.
So erhalten wir in seinem neuen Buch einen authentischen Blick auf Ängste und Nöte der irakischen Bevölkerung. Geschildert wird dies zum Teil aus der Sicht des jungen Zaid, der durch die amerikanischen Besatzer seine beiden Brüder verlor und nun statt zu studieren ein Doppelleben zwischen Familie und Untergrund führt.
Nach einem engagiert gehaltenen Vorwort, in dem Todenhöfer auf frühere Reisen in die arabische Welt (Algerien, Tunesien, Jordanien, Syrien, Afghanistan, Iran und Irak) zurückblickt und schon mal auf sein Hauptanliegen hinweist, nämlich einen von Anstand und Respekt geprägten Umgang mit der moslemischen Welt, geht das Abenteuer los: Mit offiziellem Visum bestückt, fährt der Autor mit seinen Begleitern problemlos durch Syrien bis zur irakischen Grenze, wo die Zöllner die Einreise eines Europäers in den Irak für verrückt halten und zufrieden ihr Trinkgeld einstreichen.
Im Ort Ramadi, einer Stadt im sunnitischen Dreieck wird Todenhöfer von seinem Gewährsmann empfangen. Hier können wir am Leben einer irakischen Mittelstandsfamilie teilhaben. Essen und trinken müssen zuerst beschafft werden, dann aber gibt's im Garten ein Festessen mit Freunden, trotz US-Helikoptern, die über den Dächern auftauchen und ungebeten stundenlang ihren Sound zur Party beitragen. Als am Himmel auch noch F-18 auftauchen, werden alle ins Haus gebeten. Zögerlich lässt sich der ebenfalls anwesende Widerstandskämpfer Zaid auf ein Interview mit Todenhöfer ein. Wir erfahren von einer interkonfessionellen irakischen Widerstandsbewegung, die sich klar von der eingeschleusten Al-Qaida und den islamischen Milizen abgrenzt und Terror verurteilt. «Ich töte, weil ich Freiheit und Würde meines Volkes wieder herstellen will», sagt Zaid, «die Amerikaner haben unser Land mit Panzern niedergewalzt und das Leben meiner Familie ruiniert. Sie haben hier nichts zu suchen.» In der Folge lernen wir weitere Widerständler kennen - Sunniten, Schiiten und Christen, erfahren von geheimen Gefängnissen der USA und des Innenministeriums, in denen mehr als 100000 Gefangene unter katastrophalen Bedingungen ohne Anklage oder Prozess willkürlich festgehalten werden. Die Begegnung mit weiteren Familien-Schicksalen lassen das wahre Ausmass getöteter Zivilisten erst richtig erahnen. Kaum jemand, der nicht Tote im engsten Familienkreis betrauert, Wer überlebt, kann sich im Dschungel von Heckenschützen, Milizen, Checkpoints, realen und institutionellen Minenfelder kaum noch bewegen - ein Volk in Geiselhaft.
Todenhöfers Buch überzeugt nicht nur durch die eindrückliche Reportage aus einer Welt hinter einem eisernen Vorhang, dem Autor kommt auch das Verdienst zu, die Besetzung des Irak in einen fundierten, historischen Zusammenhang zu stellen und westliche Überlegenheitsgefühle zu relativieren: Der Westen hat die Welt nicht durch eine Überlegenheit von Ideen und Werten oder seiner Religion erobert, sondern durch seine Überlegenheit beim Anwenden organisierter Gewalt.

Jürgen Todenhöfer: Warum tötest du, Zaid? 2008, Verlag C. Bertelsmann, gebunden, 335 Seiten, Fr. 34.90

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