friZ 3/2008

Suizide stellen heute die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen dar. Eine internationale Studie kommt zum Ergebnis, dass dabei die Zahl der vorhandenen Schusswaffen in einem Land eine signifikante Rolle spielt. Von Heinrich Frei

Weniger Waffen – weniger Suizide und Tötungsdelikte

Es wird geschätzt, dass sich jährlich 900000 Menschen weltweit das Leben nehmen, davon sind 200000 Jugendliche und junge Erwachsene. In den meisten Regionen der Welt begehen in allen Altersgruppen mehr Männer als Frauen Suizid, jährlich sind es durchschnittlich 10,5 männliche und 4,1 weibliche Selbsttötungen auf 100000 EinwohnerInnen. Das «Journal of Affective Disorders» veröffentlichte kürzlich eine Studie* einer grossen internationalen Arbeitsgruppe über die Suizide von jungen Menschen in 15 europäischen Staaten. Diese Untersuchung weist auf die beunruhigende Situation hin, in der sich viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene heute befinden. Sie will mithelfen, Suizide in Zukunft zu verhüten.

Zweithäufigste Todesursache junger Menschen

Suizide stellen heute, nach den unabsichtlichen Verletzungen, die zweithäufigste Todesursache von jungen Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren dar. Die Suizidrate von Jugendlichen im Alter von 15 bis 19 Jahren wies im Vergleich mit anderen Altersgruppen zwischen 1965 und 1999 eine stärkere Steigerung auf, sowohl in europäischen wie in nichteuropäischen Staaten. Gleichwohl zeigte sich in einigen Ländern in jüngerer Zeit ein Rückgang der Suizidrate bei beiden Geschlechtern in der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren (in Kanada seit 1991, in den USA seit Mitte der 90er Jahre). Auch in Australien wurde seit den späten 90er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Verminderung der Suizide in der männlichen Altersgruppe von 20 bis 24 Jahren festgestellt. Eine Erklärung für die sinkende Suizidrate in Australien ist, dass Feuerwaffen Ende des letzten Jahrhunderts nicht mehr so leicht verfügbar waren, heisst es in der Einleitung der Studie. Die Rate der Selbstmorde mit Feuerwaffen in der Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren der männlichen Bevölkerung sank in Australien von jährlich 13,1 (1994) auf 6,5 Fälle pro 100000 (2004). In der Altersgruppe der 20-24 jährigen Männer sank sie in dieser Periode von 18,8 auf 11,1 Fälle.

Estland und Finnland haben die höchsten, Portugal, England und Spanien die niedrigsten Suizidraten in Europa

Die höchsten Suizidraten in der männlichen Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren wiesen in den Jahren 2000 bis 2004 in Europa Estland (30,2 Selbsttötungen auf 100000 Einwohner), Finnland (28,3) und Irland (27,6) auf, wie die Erhebungen zeigten. Die niedrigsten Anteile wurden in Portugal (5,5), England (6,6) und Spanien (6,9) festgestellt. Die Schweiz liegt mit einer Rate von 18,1 Suiziden auf 100000 Einwohner im europäischen Mittelfeld.
Bei den Frauen wurde in dieser Altersgruppe die höchste Suizidrate in Finnland festgestellt (8,5 Fälle auf 100000 Einwohnerinnen), dahinter folgen Schottland (7,1) und Slowenien (6,9). Die niedrigste Zahl Selbsttötungen bei der weiblichen Bevölkerung im jugendlichen Alter fand man in Portugal (1,3), England (1,7) und Spanien (1,7).

Suizide mit Feuerwaffen: Finnland und Schweiz an der Spitze

Die Erhebung der Suizide mittels Feuerwaffen zeigte, dass in der männlichen Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren Finnland und die Schweiz mit je 7,9 Fällen auf 100000 an der Spitze in Europa stehen. In Finnland bringen sich 28 Prozent der Selbsttöter in diesem Alter mit Feuerwaffen um, in der Schweiz sind es sogar 43,6 Prozent! Bezüglich der Verwendung von Feuerwaffen für den so genannten Freitod weisen die Schweiz und Finnland in der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren die gleichen Verhältnisse wie die Vereinigten Staaten auf. In Finnland sind Feuerwaffen leicht verfügbar, in 40 bis 50 Prozent aller Haushalte findet sich dort ein Schiesseisen. Die ähnlich hohe Suizidrate mit Feuerwaffen in der Schweiz korrespondiert mit der hierzulande ebenfalls hohen Verfügbarkeit von Gewehren und Pistolen. Die meisten Schweizer Männer absolvierten einen obligatorischen Militärdienst und müssten die Waffe nach Hause mitnehmen, vermerkt die Studie. Zudem kenne die Schweiz ein sehr liberales Waffenrecht, das es erlaube, dass jedermann seine Waffen irgendwem ohne Beweilligung verkaufen kann. Der Schweizer Psychiater A. Frei fordert denn auch gemäss Studie, dass die Verwendung von Feuerwaffen zu Suiziden, im speziellen der Gebrauch von Armeewaffen durch junge, gut ausgebildete Männer in der Schweiz, eine grössere Aufmerksamkeit finden sollte, und der Zugang zu Feuerwaffen restriktiver gehandhabt werden müsste, um Suizide zu verhüten.

Schweiz: 2,4 Millionen Schusswaffen

Heute sind in der Schweiz schätzungsweise 2,4 Millionen Schusswaffen im Umlauf. Ein Grossteil davon sind Armeewaffen, die in den Privathaushalten der Armeeangehörigen aufbewahrt werden. Bis vor kurzem hatte der Wehrmann auch so genannte Taschenmunition zu Hause, das heisst versiegelte Kriegsmunition für den so genannten Ernstfall. Auch nach Ende der Militärdienstpflicht behalten viele Bürger Helvetiens ihr Sturmgewehr oder ihre Pistole. Alle diese Feuerwaffen stellen ein grosses Sicherheitsrisiko dar. Immer wieder kommt es zu Suiziden und Morden mit Armee- und anderen Feuerwaffen. Alleine durch Armeewaffen sterben in der Schweiz jedes Jahr rund 300 Menschen. «Schusswaffen sind in der Schweiz die häufigste Suizid-Methode, was vor allem auf Waffensuizide bei Männern zurückzuführen ist (Anteil: 36 Prozent). Suizide und Suizidversuche stellen nur selten von langer Hand vorbereitete Handlungen dar. In der Mehrzahl der Fälle entspringt die suizidale Handlung einer krisenhaften Situation. Sie erfolgt ohne lange Überlegungen, sondern vielmehr als impulsive Handlung. Bei einer breiten Verfügbarkeit von Waffen steigt das Risiko für Suizide und Tötungsdelikte», ist Dr. Hans Kurt, Präsident der Schweiz. Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, überzeugt.

Heinrich Frei ist Mitglied des Vorstands des Schweizerischen Friedensrates und engagiert sich dort in der Kampagne gegen Kleinwaffen: www.friedensrat.ch/kleinwaffen.hauptseite.html

Fussnote

* Värnik, A., et al: Gender issues in suicide rates, trends and methods among youths aged 15-24 in 15 European countries. In: Journal of Affective Disorders, 2008, (doi:10.1016/j.jad.2008.06.004). Die Hauptautorin dieser Studie, die estnische Ärztin Airi Värnik, kann kontaktiert werden beim Estonian-Swedish Mental Health and Suicidology Institute (Adresse: Õie 39, Tallinn 11615, Estland; E-Mail airiv@online.ee, airi.varnik@ipm.ki.se)


Volksinitiative «Schutz vor Waffengewalt»

Die Volksinitiative «Schutz vor Waffengewalt» ist auf gutem Weg, bei Redaktionsschluss waren bereits gut 100000 Unterschriften gesammelt. Für das Zustandekommen braucht es aber 120000 Unterschriften. Für die fehlenden 20000 Unterschriften braucht es jetzt einen Schlussspurt. Das heisst: Erstens alle (auch nur teilweise gefüllten) Unterschriftenbögen zurückschicken und zweitens leere Unterschriftenbögen von der SFR-Homepage (www.friedensrat.ch/images/initiativbogen.pdf) herunterladen und füllen!
Die Initiative bestreitet das heute in der Schweiz bestehende Recht auf eine Waffe nicht völlig, aber der Waffenbesitz soll nur noch in Ausnahmefällen erlaubt werden. Es geht um Missbrauchsbekämpfung: Erwerb, Besitz und Tragen von Waffen wird an einen Bedürfnis- und ein Fähigkeitsnachweis geknüpft. Polizisten, Jägern und Sportschützen wird die Pistole oder das Gewehr also nicht weggenommen. Abtretenden Wehrmännern dagegen dürfte nach Ende der Dienstpflicht keine Waffe mehr abgegeben werden, verlangt die Initiative. Weiter dürfte der Soldat, wie in anderen Armeen, sein Sturmgewehr oder seine Pistole nicht mehr zu Hause lagern, sondern Armeewaffen müssten in Zukunft in gesicherten Räumen der Armee aufbewahrt werden. Weiter fordert die Initiative die Einführung eines nationalen Waffenregisters und ein Verbot von besonders gefährlichen Waffen (wie z.B. «Pump Actions»). Die Volksinitiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» wird von rund 70 Parteien und Organisationen unterstützt, von Friedensorganisationen, Frauenverbänden, Ärzten, psychiatrischen Fachgesellschaften, Organisationen für Suizidprävention, Menschenrechtsgruppierungen, der Polizei, von Kirchen und Gewerkschaften. Webseite des Initiativbündnisses: www.schutz-vor-waffengewalt.ch

Neuseeland: Weniger Suizide mit Feuerwaffen dank restriktivem Waffenrecht

In Neuseeland sind seit der Einführung eines restriktiveren Waffenbesitzrechtes und der Erschwerung des Zugangs zu Feuerwaffen die Suizide mit Feuerwaffen sehr stark zurückgegangen, speziell unter jungen Menschen. Gesamthaft sind auch die Suizide von Jugendlichen in dieser Zeit zurückgegangen, wobei es nicht möglich ist, abzuschätzen, ob dies nur mit dem schärferen Waffenrecht in Zusammenhang steht oder auch andere Ursachen hat. Auch Studien in Kanada haben gezeigt, dass die schärfere Waffenkontrolle dazu beiträgt, dass der Gebrauch von Feuerwaffen kleiner wird, wie die erwähnte europäische Suizidstudie festhält.

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