Nur ein Problem der Verteilung?

Kolumne


Von Hans Saner

Noch vor wenigen Jahren waren wir alle der Überzeugung, dass weltweit an sich genügend Nahrungsmittel produziert werden und dass somit Hunger und Fehlernährung vermeidbar wären, wenn wir die Nahrungsmittel nur richtig verteilen wollten. Wir glaubten, es verhalte sich mit ihnen wie mit den Gütern insgesamt: der privilegierte Norden und der verwöhnte Westen seien objektiv übersättigt und bekämen subjektiv dennoch nie genug - und der ausgepowerte Süden sowie der vernachlässigte Osten seien ausgehungert und bekämen trotzdem immer weniger. Es war für uns keine Frage, dass dieses Elend wesentlich unsere Schuld war, die wir zwar verdrängen, aber nicht glaubwürdig bestreiten konnten.

Argumentationsketten dieser Art gehörten so sehr zum Reflexionsstandard der Linken, dass sie kaum mehr überprüft wurden, wir glaubten, dass sie nicht oder jedenfalls auf lange Zeit noch nicht falsifiziert werden könnten. Auch heute werden die Diskussionen über Unter- und Fehlernährung in der Dritten Welt in der Regel mit dem Credo abgeschlossen, dass sie nicht sein müssten, wenn wir die Solidarität aufbrächten, unseren Überfluss einigermassen gerecht zu verteilen. Dass gewisse Teile der Welt übersättigt und andere ausgehungert sind und dass wir daran eine Mitschuld tragen, stimmt nach wie vor. Aber die Zuversicht, dass wir alle Ernährungsprobleme allein durch richtige Verteilung lösen könnten, schmilzt zunehmend dahin. Sie stammt aus den Jahren der erfolgreichen Grünen Revolution. Von 1950 bis 1985 nahm die Nahrungsmittelproduktion weltweit insgesamt stärker zu als die Weltbevölkerung, am stärksten von 1950 bis 1965. Damals wurde die Hoffnung zur Überzeugung, dass der Hunger in der Welt besiegt werden könnte, wenn die armen Länder bloss etwas kooperativer und die reichen etwas solidarischer wären. Aber ab 1985 war während vier Jahren die Produktion pro Kopf der Weltbevölke-rung erstmals wieder rückläufig. Zwar ist inzwischen erneut ein langsamer Anstieg erfolgt. Aber von einem möglichen Überfluss für alle kann keine Rede sein. Bei optimaler Verteilung würde es heute für jeden Bewohner der Erde, so schätzen die Meadows, noch «ausreichend» Nahrung geben; aber nur noch etwa 4 Milliarden Menschen könnten durchschnittlich gut und nur etwa 3 Milliarden «üppig wie in Europa» ernährt werden. «Ausreichend» heisst in der Nähe der Kaloriengrenze, unterhalb der intensivere körperliche Arbeit ohne Mangelerscheinungen nicht mehr möglich ist. Wir nähern uns also einer Grenze, an der es weltweit zum Hauptproblem werden könnte, nicht allein den Überfluss zu verteilen, sondern auch den Mangel, also den Hunger.

Man muss weder ein apokalyptischer Schwarzmaler noch ein Zweckpessimist sein, um die kommende Wende von der Verteilung des Überflusses zur Verteilung des Mangels zu erahnen. Wenn die Prognosen der Bevölkerungswissenschaftler einigermassen stimmen, so müssen wir zur Jahrhundertwende mit etwa 6,2 Milliarden Menschen rechnen, für das Jahr 2025 mit etwa 8,4 Milliarden, für 2050 mit ca l0 Milliarden und für das Ende des 21. Jahrhunderts mit ungefähr 12 Milliarden. Möglicherweise werden dann viele der Kinder, die heute geboren werden, noch leben, jedenfalls aber ihre Kinder. In der gleichen Zeit wird vermutlich der kultivierbare Boden, der pro Person zur Verfügung steht, sich um die Hälfte verringern. Aus ihm müsste mit der Zeit der doppelte Ertrag herausgeholt werden können, falls der Hunger in der Welt im kommenden Jahrhundert nicht kontinuierlich anwachsen soll. Aber niemand weiss, wie die Verdoppelung erreicht werden kann. Die Böden sind schon durchdüngt und zum Teil durch zu intensive Nutzung ausgelaugt. Überdem nimmt weltweit ihre Versäuerung zu, ebenso vielerorts die Erodierung ihrer Humusschichten und die Verwüstung des fruchtbaren Landes. Die Lage wird zwischen 2000 und 2050 am dramatischsten werden, weil zu der Zeit die Weltbevölkerung noch schnell wächst und man auf sofortige erfolgreiche Massnahmen angewiesen wäre, die niemand kennt.

Wenn man den Mangel und nicht mehr den Überfluss verwalten muss, wird es immer noch so sein, dass ein privilegierter Teil der Weltbevölkerung genug oder übergenug hat. Aber das wird nicht mehr, wie um 1950, ein Drittel der Weltbevölkerung sein, sondern zur Jahrhundertwende werden es vielleicht noch 2o Prozent sein und um 2025 noch 16 Prozent. Von 6 Menschen wird dann einer genug haben und 5 werden sich den Mangel aufteilen müssen, der auch dann noch spürbar bliebe, wenn der 6. alles gäbe. Da aber vermutlich in der Not nicht die Solidarität wachsen wird, sondern die Raffgier und die Barbarei, ist im kommenden Jahrhundert mit Hungersnöten von nie gekanntem Ausmass zu rechnen. Sie werden nicht mehr ein Problem der Verteilung sein, sondern eine Folge davon, dass die Weltbevölkerung im Prinzip ins Unabsehbare wachsen kann, die zur Verfügung stehende Erdoberfläche aber ungefähr gleich bleibt. Das Problem hat schon Kant gesehen, ohne es für ein akutes Risiko zu halten. Wir sehen heute das akute Risiko. Was wir tun könnten, um seinen Umschlag in eine globale Katastrophe zu verhindern, sieht vorläufig noch niemand.

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