Nebengedanken

Er wollte Hitler töten

Von Peter Spinatsch

Im November dieses Jahres war es 60 Jahre her, dass der Neuenburger Theologiestudent Maurice Bavaud in München ein Attentat auf Hitler verüben wollte. Es gelang ihm nicht, nahe genug an den Nazi-Diktator heranzukommen, um den geplanten Pistolenschuss auch tatsächlich abgeben zu können. Er wurde einige Tage später verhaftet, gestand seine Attentatspläne, wurde zum Tode verurteilt und am 14. Mai 1941 im Gefängnis Berlin-Plötzensee mit der Guillotine hingerichtet.

Maurice Bavaud war das älteste von sieben Kindern einer katholischen Familie aus Neuenburg. Nach einer Lehre als technischer Zeichner war er drei Jahr im Seminar für Spätberufene der Väter vom Heiligen Geist in Saint-Ilan in der Bretagne. Ohne Mitteilung verreiste er an einem Septembersonntag im Jahre 1938 nach Deutschland, kehrte nach einem Aufenthalt bei Verwandten in Baden-Baden zurück nach Basel, um sich eine Pistole zu kaufen, reiste weiter nach Berlin und anschliessend nach München. Beim Gedenkmarsch der Nazi-Elite für den Putsch vom 9. November 1923 in München hatte er sich als "Nazi-Sympathisant" einen Platz auf der Ehrentribüne bei der Heiliggeistkirche erschlichen, aber war doch zu weit weg von Hitler, um einen erfolgreichen Schuss abgeben zu können. In den kommenden Tagen versuchte er noch an verschiedenen Orten hartnäckig, an den Diktator heranzukommen. Bei der Rückreise am 12. November 1938 wurde er im Zug der Bahnpolizei übergeben, weil er keine Fahrkarte hatte. Man fand die Pistole und belastende Dokumente bei ihm.

Über ein Jahr verbrachte er in Untersuchungshaft. Am 18. Dezember 1939 wurde er vom NS-Volksgerichtshof in Berlin für seine Attentatspläne zum Tode verurteilt. Er hatte gestanden, dass er Hitler beseitigen wollte – ein Plan, den er allein aus sich heraus gefasst hatte. Als Beweggründe nannte er gemäss Protokoll der Hauptverhandlung: "…auf Grund dessen, was er in fast der gesamten schweizerischen Presse gelesen und was er weiter von aus Deutschland emigrierten Angehörigen von katholischen Orden erzählt bekommen habe, halte er die Perönlichkeit des deutschen Führers und Reichskanzlers für eine Gefahr für die Menschheit, vor allem auch für die Schweiz, deren Unabhängigkeit der Führer bedrohe. Vor allem aber seien kirchliche Gründe für seine Tat bestimmend gewesen, denn in Deutschland würden die katholischen Kirchen und die katholischen Organisationen unterdrückt und er habe daher geglaubt, mit seiner geplanten Tat der Menschheit und der gesamten Christenheit einen Dienst zu erweisen…"

Es folgten nochmals lange Monate grausamer Einzelhaft im Todestrakt und immer wieder neue Verhöre über ein mögliches Komplott im Hintergrund, bis er am 14. Mai 1941 von der Nazijustiz ermordet wurde. Der Kontakt mit seinen Eltern und Geschwistern blieb auf einige wenige Briefe beschränkt. Bavauds Abschiedsbrief gibt Zeugnis von einer moralisch ungebrochenen Persönlichkeit und von einem starken, in authentischer religiöser Tradition verwurzelten Glauben.

Ein düsteres Kapitel ist das Verhalten der damaligen Schweizer Behörden – im besonderen von Botschafter Frölicher – , die dem Inhaftierten jeglichen Beistand verweigerten, die Angehörigen täuschten und den Vorschlag zu einem Austausch mit in der Schweiz gefangenen deutschen Spionen nicht einmal in Erwägung ziehen wollten.

In einer Würdigung dieses Attentatsversuches erklärte der Bundesrat am 1. April dieses Jahres: "Maurice Bavaud hat möglicherweise geahnt, welches Verhängnis Hitler über die Welt und namentlich Europa bringen würde. Er gehört zum Kreis jener Personen, welche – leider vergeblich – versucht haben, dieses Unheil zu verhindern. Dafür verdient er Anerkennung und einen Platz in unserem Gedächtnis."

Peter Spinatsch ist Redaktor der Zeitschrift "Offene Kirche" und Mitglied des "Comité Maurice Bavaud".

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