Kolumne
Als müsste irgend jemand anderer entscheiden, was zu denken und zu tun ist.
Als wüsste irgend jemand anderer, und meistens ist der ANDERE eine verwandte schreibende Zunft, ein Verehrter, welcher jetzt auch in meinem Namen wissen soll WAS IST?
Und dann, wenn man den SATZ finden würde, dann würde sich die eigene feige Haltung zur anderen mutigen Haltung emporsteigen. Dann könnte man mit ruhigen Gewissen zi-tieren.
Die Vergangenheit der Gewalt ist seit Tausenden von Jahren voll von Beispielen, welche sich addieren zur Strasse des Schämens bis heute. Es gab dort vor zweitausend Jahren auch einen jungen Mann, Sohn eines Tischlers. Im Exil geboren, kehrte er in seine Heimatstadt zurück und ass mit verachteten Zöllnern, nahm Prostituierte in Schutz und gab den Hungrigen Essen. Er sprach milde vom seinem Opfer für die Rettung der Menschheit. Es waren sehr wenige junge Männer, welche sich trotz Unkenrufen zu ihm gesellten. Doch einer von ihnen wurde schwach und verriet den jungen Mann an die Machthaber. Er verkaufte ihn. Das steht bis zum heutigen Tage für das, was in jedem von Uns für die Ergebenheit gegenüber den Machthabern steht.
Die Seele verkaufen. Irgend jemand anderer muss es doch besser wissen. Weil wenn man selber weiss und dahinter steht, könnte es sein, dass man zu sehr bestraft und ausgeschlossen wird. Es ist menschlich und es ist mit sich selbst auszumachen.. Seit dem 24. 3. 1999 hadere ich mit den Bildern aus meiner Vergangenheit und mit den Bildern des Tages. Meine Rachestimme ruft ja, so soll der enden, der drei Millionen Menschen vertreibt und umbringt. So soll es enden: für den Tod meines Cousins und die Verwundung anderer, für die vertriebenen Verwandten aus Bosnien, für die Tränen, welche seit 1991 die ganze Region umspühlen. So soll jetzt endlich alles vernichtet werden, was an diese Tragödie erinnert, und diejenigen, welche das angetan haben, sollen bestraft werden.
Ist es aber dann so? Werden diejenigen, welche das angetan haben, je zur Rechenschaft gezogen werden? Die Stimme des Zweifelns antwortet. Nein, es wurden Gebäude zerstört, welche auch meine Eltern aus ihrem Lohn finanziert haben, es wurden Menschen getroffen, welche sich an die Lüge "Die bringen uns um weil wir Serben sind" als einzigen gültigen Satz klammern. Sie wissen und wollen im Grunde auch nicht wissen warum sie angegriffen werden. Die, welche ES wissen, müssten aber zum Gericht kommen. "Die Kosovoalbaner" kenne ich nicht, ich kenne Aferdita, Ilir, Valdet, ich kenne ihr Leid wegen der Vertreibung und ich kenne die Blindheit meiner serbische Gotte Gordana für ihr Leid. Aber haben die Bomben erreicht, dass man vom Nationalismus wie von Viren geheilt wird? Nein, sagt meine Stimme. Das Gegenteil ist der Fall. "Ich habe keinen Krieg gewünscht, er hat Uns überfallen" schrieb ich 1991, "es ist nicht mein Krieg und doch muss ich mich bekennen, weil ich ein Mensch unter Menschen bin und keine Pflanze unter Pflanzen." Und dieser Krieg gegen einen paranoiden Diktator, welcher die Überreste seines Landes und seiner Menschen als letzte Bastion seiner Wahn vor sich hält, möchte ich bestraft sehen. Nicht nur ihm, aber hier ist die Rede von ihm.
Wird das so sein? Ich denke nein.
Wenn man so lange hingeschaut hat, wie Er seinen Wahn über alle anderen Völker mit Bomben ausbreitet hat, glaube ich den jetzigen Bomben nicht. Sie kommen wie ein Echo aus dem Wald, nur dass in diesem Wald auch alle anderen Völker mit den Viren des Nationalismus bis in die Knochen infiziert sind. Sie sind infiziert weil der Virusträger acht Jahre lang sie gelehrt hat, dass Er alles darf. Man brauche nur die richtige Blutgruppe zu haben. Die Schüler lernten schnell. Was wird mit dem Kosovo, welche politische Lösung gibt es in der Realität? Was wird mit dem Tibet, was wird mit den Kurden? Kann man glauben, dass die Militärs der Nato von jetzt an in jedem Land intervenieren werden wo die Menschenrechte zertreten werden? Militärischer Humanismus?
Ist das der Slogan für das nächste Jahrhundert? Und fing ich nicht mit einer Geschichte vor zweitausend Jahren an, wo ein junger Mann uns lehrte das Gewalt keine Lösung sondern UNRECHT ist? Hätten wir in diesem Jahrhundert, oder wenigstens in den letzten fünfzig Jahren, alles dran setzen müssen, dass die friedliche Lösung von Konflikten der einzige Weg ist? Haben wir nicht verpasst den ANDEREN zu respektieren in seiner Verschiedenheit, ohne ihn gleich wie wir machen zu müssen? Wir haben?
Während ich das schreibe werden Menschen getötet und vertrieben, weil sie heiliges Land bewohnen und die falsche Blutgruppe haben. Noch immer, trotz Luftangriffen? Wer ist der Befehlshaber dieser Armee? Wird man mit ihm wieder verhandeln?
Eine Stimme in mir sagt "Ja".
Wir danken dem Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks), welches die Kolumne von Dragica Rajcic mit einer grosszügigen Spende in den Recherchierfonds der FriZ ermöglicht.![]()