Der Stoff, aus dem Konflikte sind

Von Urs Höltschi*

Wasser ist nicht nur Grundstoff jeglichen Lebens, Wasser ist und wird zunehmend auch Ursache von Konflikten. Bei der konzeptionellen Erarbeitung dieses Themas verfolgten wir das Ziel, die verschiedenen Zusammenhänge zwischen der Ressource Wasser und damit verbundenen sowie daraus entstehenden Konflikten oder Konfliktpotentialen darzustellen. Dabei gilt es einerseits, die quantitativen Aspekte zu betrachten, nämlich die Problematik von Wasserknappheit und -mangel auf der einen und eines Wasserüberflusses auf der anderen Seite, andererseits können auch qualitative Aspekte Konfliktpotential oder aber Kriegsmittel und -folge darstellen. Diese Grundformen von Wasserkonflikten liessen sich noch feiner kategorisieren, in der Praxis begegnen sie uns zudem oftmals als Kombination verschiedener Problemaspekte.

Zuwenig Wasser: Verteilungs- und Nutzungskonflikte

Die wohl naheliegendste Form eines Wasserkonfliktes ist die Auseinandersetzung um Verteilung und Nutzung dieser lebensnotwendigen Ressource. Dabei entspringt der drohende Krieg um Wasser – analog dem Krieg um Öl – nicht einem Horrorszenario ökologisch und sicherheits- und friedenspolitisch Engagierter. Auch der ehemalige deutsche Umweltminister und heutige Chef der UNO-Umweltorganisation UNEP Klaus Töpfer forderte im September 1998 die Einrichtung eines weltweiten Frühwarnsystems, damit bewaffnete Konflikte um Wasservorräte rechtzeitig erkannt und verhindert werden können.

Die Nutzung von Gewässern zur Energiegewinnung und Bewässerung oder deren Verbauung zum Schutze vor Hochwassern kann auch zu innerstaatlichen Auseinandersetzungen führen. Die Art, wie derartige Konflikte bearbeitet werden, hängt unter anderem von der demokratischen Tradition und der wirtschaftlichen Entwicklung eines Staates ab. Auch in der Schweiz bestehen derartige Konflikte, wie das Beispiel des geplanten Pumpspeicherkraftwerks im Grimselgebiet zeigt. Die Interessen der Umwelt werden dabei nicht etwa durch den Staat vertreten, vielmehr ist ein grosser Einsatz der Zivilgesellschaft vonnöten, um diese natürliche Landschaft zu erhalten (siehe Beitrag auf Seite 27). Wie der Mitte Mai 1999 erfolgte Verzicht der Misoxer Kraftwerke auf das Projekt im Val Curciusa belegt, ist es in der Schweiz grundsätzlich möglich, unsinnige Kraftwerkprojekte zu verhindern. Die Verhinderung menschlicher und ökologischer Katastrophen im Zusammenhang mit dem Bau von Staudämmen beispielsweise in China, Indien oder der Türkei (vgl. Seite 19ff.) wird dagegen noch viel Engagement und Solidarität auch von der Bevölkerung des Nordens erfordern.

Zur Gruppe der Nutzungskonflikte zählen auch Auseinandersetzungen um die Ausbeutung von Bodenschätzen wie Erdöl und -gas, die unter dem Meeresboden liegen, sowie um die Nutzung von Fischgründen. Schliesslich sind mit dem Zugang zu und der Kontrolle von Wasserwegen grosse strategische und wirtschaftliche Interessen verknüpft.

Zuviel Wasser: Anstieg des Meeresspiegels

Während sich die oben beschriebenen Konflikte in den meisten Fällen auf die Verteilung und Nutzung von knappen (Süss-)Wasserressourcen und deren qualitativen Schutz konzentrieren, kämpfen diverse Inseln und küstennahe Festlandgebiete gegen die Zunahme der globalen Wasservorräte, die in den Meeren lagern. Mit dem wahrscheinlichen Anstieg der Meeresspiegel sind diese Regionen unmittelbar in ihrer Existenz bedroht. Besonders grotesk an diesem Phänomen ist der Umstand, dass die vom Anstieg der Meeresspiegel Betroffenen an dessen Ursachen kaum beteiligt waren. Die grossen EmitentInnen von Treibhausgasen und damit die VerursacherInnen des Treibhauseffekts sind wir, die BewohnerInnen der industrialisierten Welt (siehe Beiträge Seite 24 und 26).

Qualitative Aspekte: Krieg als Wasserverschmutzer

Neben den oben beschriebenen quantitativen Verteilungs- und Nutzungsfragen bergen auch qualitative Aspekte erhebliches Konfliktpotential. Die Verschmutzung von Gewässern oder die Versalzung von Grundwasser infolge einer Übernutzung des Trägers kann inner- und zwischenstaatlich erhebliche Spannungen und kriegerische Auseinandersetzungen verursachen. Auch Kriege und deren Vorbereitung führen zu einer erheblichen Verschmutzung von Gewässern. Als Folge der Entwicklung und Erforschung, Lagerung und Entsorgung von A- und C-Waffen wurden und werden Gewässer und Grundwasserträger erheblich belastet. Auch konventionelle Waffensysteme können bei Produktion, Nutzung und Entsorgung zu einer Verschmutzung der Gewässer führen. Als Mittel des Kriegs wird Trinkwasser auch willentlich und gezielt ungeniessbar gemacht.

*Urs Höltschi ist Leiter der Arbeitsstelle Militär und Ökologie in Zürich

Das Wasser der Erde

Wären die gesamten Wasserressourcen gleichmässig über den Erdball verteilt, ergäbe dies eine Wassertiefe von etwa 2700 Metern. 97,5 Prozent dieser Wassermassen sind als Salzwasser in den Meeren gespeichert. Die verbleibenden – für uns Menschen ohne grösseren Aufwand nutzbaren – 2,5 Prozent sind aufgrund topographischer und klimatischer Aspekte sehr unterschiedlich verteilt.

Auf das Gebiet der Schweiz fallen durchschnittlich 60 000 Millionen Kubikmeter Niederschläge pro Jahr, dies ist fast doppelt soviel, wie im Mittel über allen übrigen Ländern Europas niedergeht. Auf dem Gebiet der Schweiz lagern im Grundwasser, in Gletschern und Gewässern 6 Prozent der Süsswasservorräte Europas. Auch hinsichtlich der Nutzung von Wasser ergibt sich ein sehr kontrastreiches Bild. Die durchschnittliche Wasserentnahme pro Person und Jahr beträgt weltweit 660 Kubikmeter oder rund 1800 Liter pro Tag. Davon entfallen 69 Prozent zu Bewässerungszwecken auf die Landwirtschaft, 23 Prozent auf die Industrie und 8 auf die Haushalte.

In der Schweiz werden pro Kopf und Jahr 502 Kubikmeter Wasser, oder sechs Prozent der verfügbaren Ressourcen, entnommen. Von dieser Menge entfallen allerdings 27 Prozent auf die Privathaushalte; dies ist mehr als das zweieinhalbfache des weltweiten Durchschnitts. Insgesamt verbrauchen SchweizerInnen 70 mal mehr Wasser als GhanaerInnen.

(hö.)

Inhaltsübersicht nächster Artikel