Rund 1200 Wasserkraftwerke erzeugen über 60% der schweizerischen Elektrizität. Der Bau von Stauseen vermochte die Entvölkerung vieler verarmter Bergtäler aufzuhalten. Der Preis für bescheidenen Wohlstand waren verlorene Alpweiden, trockene Bergbäche und der Verlust von Autonomie, denn die Erbauerinnen und Betreiberinnen der Kraftwerke sind von jeher die grossen Elektrizitätsgesellschaften aus den energiehungrigen Städten.
Zunehmend formte sich Widerstand gegen deren überbordende Begehrlichkeiten und die Grenze der Wasserkraftnutzung schien erreicht, als 1975 selbst der Verband Schweizerischer Elektrizitätswerke VSE verlauten liess, dass "ein Weiterausbau der Wasserkräfte aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und des Landschaftschutzes nicht in Frage komme."
Bereits 1985 hatte der VSE seine Meinung gründlich geändert. Inzwischen standen auf dem europäischen Markt nämlich grosse Mengen billigen Atomstroms zur Verfügung, mit welchem sich Wasser in Alpentäler pumpen und dort speichern lässt, bis Europa während der Mittagsspitze sowie im Winter teuren Spitzenstrom benötig. Es entstanden Grossprojekte für Pumpspeicherwerke, die aus Alpentälern eigentliche AKW-Flilialen machen sollten.
Diese erneute Beeinträchtigung von Landschaft und Gewässern wollten sich viele Ansässige und die UmweltschützerInnen nicht gefallen lassen. Lokale Widerstandsgruppen schlossen sich zusammen, sie wurden unterstützt von den grossen Schutzverbänden. Zunehmendes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung, das sich zum Beispiel in den Abstimmungen zum Moorschutz und zum Gewässerschutz zeigte, sowie eine einsetzende Stromschwemme auf dem europäischen Markt verhalfen der Widerstandsbewegung zu hart erkämpften Erfolgen gegen die Strombarone: Rettung der Greina-Hochebene und des Val Madris.
Einen weiteren Erfolg konnten die UmweltschützerInnen im Mai dieses Jahres feiern: Nach 15jähriger Auseinandersetzung gaben die Misoxer Kraftwerke den Verzicht auf ein Pumpspeicherwerk im Val Curciusa bekannt. Zweimal waren die Umweltverbände wegen der von der Bündner Regierung erteilten Konzession an das Bundesgericht gelangt. Der Verzicht sei erfolgt, weil das 580 Millionen-Projekt auf dem liberalisierten Strommarkt "allmählich in Schieflage geraten und unwirtschaftlich geworden sei", liessen die Misoxer Kraftwerke verlauten. Der Widerstand kann hier nicht nur in Anspruch nehmen, eine grossartige Landschaft gerettet zu haben, sondern auch die Kraftwerkgesellschaft vor einer "nichtamortisierbaren Investition" bewahrt zu haben.
Nicht ausgestanden ist jedoch der Kampf um die Grimsel. Dort wird trotz des Signals aus dem Val Curciusa beharrlich am 4 Milliarden-Pumpspeicherwerk Grimsel West weitergeplant, dem grössten und einzigen überlebenden der Pumpspeicherprojekte.
Der sukzessive Ausbau der Kraftwerke an der Grimsel samt der Auseinandersetzung um den geplanten Pumpspeicher ist Modellfall für Geschichte und Entwicklung schweizerischer Wasserkraftnutzung.
1906 erteilte der Kanton Bern seiner eigenen Bernischen Kraftwerke AG BKW die Konzession für die Nutzung der Wasserkräfte an der Grimsel, nachdem er zuvor ein privates Gesuch abgelehnt hatte. Gleichzeitig sicherte er sich den alleinigen Anspruch auf die Wasserzinsen. 1925 wurden die Kraftwerke Oberhasli AG KWO gegründet. Aktieninhaber sind die BKW sowie die Städte Basel, Bern und Zürich. Die BKW erwarben die Grimsel samt ihren Gletschern und Alpengipfeln von den Gemeinden des Oberhasli.
Zielstrebig und fortlaufend hat die KWO ihre Anlagen ausgebaut: Mit Wasser aus acht Stauseen produzieren heute neun Zentralen und ein Umwälzwerk Strom, den die BKW an ihrem Sitz in Bern verkaufen.
Um den unberührten Rest der Grimsellandschaft zu bewahren, hat der Kanton diese 1958 unter Schutz gestellt; 1983 erhob sie der Bund zum Naturdenkmal von nationaler Bedeutung.
1988 stellten die Kraftwerke Oberhasli das Gesuch für die Konzessionierung eines weiteren Ausbauvorhabens, das alle bisherigen Anlagen in den Schatten stellt: In 15jähriger Bauzeit soll ein gigantisches Pumpspeichersystem entstehen. Hinter einer 200 Meter hohen Staumauer mitten im Grimselsee würde eine Moorlandschaft samt Arvenwald ebenso ersäuft wie 3,5 Kilometer des Unteraargletschers jenes Eisstroms der Alpen, der als Wiege der Gletscher- und Eiszeitforschung gilt. Der Betrieb des Werks hätte Auswirkungen auf Aare und Grundwasser bis weit ins Unterland, in der weltberühmten Aareschlucht würde im Sommer nur noch ein Rinnsal fliessen.
Die Umweltverbände bemühen sich seit Jahren, diesem brutalen Eingriff in die Landschaft der Alpen einen Riegel zu schieben.
Auch im Oberhasli hat das Projekt Grimsel West hartnäckigen Widerstand hervorgerufen. Angeführt wird er vom 1987 gegründeten Grimselverein.
Die Standortgemeinde Guttannen hat in zwei Abstimmungen bisher deutlich Nein gesagt zum Grossprojekt, obschon 50 ihrer 400 EinwohnerInnen bei den Kraftwerken arbeiten. In ihrer Einsprache zeigt sich die Gemeinde der volkswirtschaftlichen Bedeutung der KWO bewusst, betont aber, dass die Nutzung der Wasserkräfte keine Einbahnstrasse war: "Unsere älteren Dorfbewohner, welche die heute überfluteten Alpen noch gekannt haben, beweinen deren Untergang als unermesslichen Verlust... Deshalb dürfen wir uns mit gutem Gewissen und ohne falsche Rücksicht für unsere Interessen wehren." Guttannen listet unannehmbare Eingriffe ins Dorfleben und in Alpen und Wälder auf, "die heute nach bewährten Regeln in massvoller Weise bewirtschaftet werden... Wir befürchten, dass die Veränderungen, die der geplante Bau für unser Tal und unsere Gemeinde bringen würde, zu gross und zu einschneidend sein könnten."
Vehement reagiert Guttannen auf die Enteignunungspläne, welche die KWO beim Kanton beantragt haben: "Gegen eine zwangsweise Rodung und Enteignung werden wir alle uns zur Verfügung stehenden Rechtsmittel ergreifen. Trotz dieser entschlossenen Haltung und Einigkeit beschleicht uns ein ungutes Gefühl. Offenbar können Aussenstehende über unsere Täler und unsere Landschaft verfügen."
Weniger betroffene Gemeinden lehnen Grimsel West nicht ab, ergreifen aber die Gelegenheit, früher versäumte Forderungen zu stellen: Beteiligung am Aktienkapital, Strom zu Vorzugspreisen und sogar Wohnsitzpflicht für den Karftwerkdirektor. "Wir wollen eindeutig aus der Bittstellerlage eines wirtschaftlichen Randgebietes herauskommen", fordert die Gemeinde Meiringen für den Fall, dass Grimsel West realisiert werden sollte.
Immerhin äussern auch die befürwortenden Gemeinden Befürchtungen und versuchen sich mittels Einsprachen finanziell abzusichern: Der Zugzug von bis zu 800 Saisonarbeitern während 15 Jahren könnte zu steigenden Boden- und Wohnungspreisen führen und Schulen, Spital und Fürsorge überlasten. Als Gegenbewegung zum opponierenden Grimselverein haben Gewerbetreibende eine Arbeitsgemeinschaft "zum Schutz der Oberhasler Interessen beim KWO-Ausbau" gebildet, die sich vehement für Grimsel West einsetzt und glaubt, damit die Rezession im Baugewerbe überwinden zu können.
Die Polarisierung zwischen GegnerInnen und BefürworterInnen hat sich im Laufe der jahrelangen Auseinandersetzungen verschärft. Sie geht soweit, dass Erwerbslose über die Lokalpresse aufgefordert werden, beim Grimselverein um Entschädigung nachzusuchen, und dass Bauunternehmen gewisse Gewerbetreibende boykottieren, die sich nicht aktiv hinter Grimsel West stellen oder das Pech haben, mit ExponentInnen des Grimselvereins verschwägert zu sein. Selbst die KWO scheuen sich nicht, solche Sanktionen zu ergreifen.
Trotz eines Gegengutachtens der KWO und gegen den Willen der Berner Regierung stellte der Bundesrat im Juni 1997 die Grimsel als "Moorlandschaft von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung" unter Schutz. Als einzige von 89 Moorlandschaften bleibt sie aber nur provisorisch geschützt, bis "glaubhaft gemacht wird, dass die Nutzung der Grimsel notwendig ist, um eine absehbare grosse Lücke in der Energieversorgung ab dem Jahr 2015 zu schliessen, oder bis glaubhaft gemacht wird, dass eine solche Situation nicht eintreten wird." Dieser Bundesratsentscheid ist eindeutig verfassungswidrig, weil der Moorschutzartikel in der Bundesverfassung keine Interessenabwägung zulässt. Immerhin stellt er die KWO vor das Problem, den umstrittenen Bedarf für ihr Werk zur Landesversorgung als zwingend nachzuweisen.
Die KWO haben bis heute weder das angekündigte "optimierte Projekt 96" noch den geforderten Bedarfsnachweis vorgelegt. Sie zeigen sich aber auch im Mai 1999 überzeugt, "dass die Voraussetzungen für Grimsel West aufgrund seriöser Abklärungen hervorragend sind". Inzwischen ist die deutsche PREUSSENELEKTRA AG mit 10% an den BKW beteiligt.
In den Stadtparlamenten der KWO-Partner Basel, Bern und Zürich sind Absetzbewegungen im Gang von der "wirtschaftlichen Geisterfahrt" Grimsel West. Der Grimselverein hat beim Bundesrat beantragt, dass die Aaregletscher aufgrund ihrer landschaftlichen und wissenschaftlichen Bedeutung für die Aufnahme ins UNESCO-Verzeichnis der "Welterbe" vorzuschlagen seien. Der Bundesrat hat den Antrag vorläufig abgelehnt mit dem Hinweis auf ungelöste energiepolitische Fragen um Grimsel West.
*Adolf Urweider ist Bildhauer in Hasliberg Hohflu und ehemaliger Präsident des Grimselvereins.
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