Kolumne

Souveniers

Von Dragica Rajcic

Ich gehöre zu jener seltsamen Sorte von Menschen, welche sich für einen Monat im Jahr aus ihrem Wohn-Schlaf und Einkauf-Arbeit-ORT hinaus wagen, um zu entspannen. Diese Menschen nennt man fast überall auf der Welt Touristen. Nur meine Grossmutter nannte sie ZUNGENLOS – mutavi. Gemeint waren die Deutschen, welche Dalmatien 1962 besucht haben. Irgendwo in einem Fotoalbum stehen zwei Kinder in Unterhosen neben dem Wasserbrunnen und das Mädchen trägt eine Brille. An diesem Sommertag ist niemand zu Hause und die Zungenlosen trinken Wasser und stellen die Kinder vor der weissen Wand hin. Die Gesichter der Zungenlosen sind rot und die Haut voller Sommersprossen. Vor ihren Augen stehen die Kinder und wissen nicht, wieso der Mann sie durch ein Fernglas anschaut. Das Fernglas, Vaters Besitz, stand im Wäscheschrank und wurde einem toten deutschen Soldaten gestohlen. Mit diesem suchte die Mutter im Wald die verlorene Stute. Die Kinder werden, wenn die Zungenlosen nach Hause kommen, zur Entwicklung abgegeben. Dieser Augenblick wird auf dem Papier festgehalten bleiben. Ich und mein Bruder werden bis heute als Einheimische in irgendwelchem Schrank in Deutschland geschlossen gehalten. Auf dem Umschlag von Album steht "Jugoslawien, Urlaub 1962". Oder sind die Besitzer schon im Altersheim und ihre Nachkommen haben den Fotoalbum ins Brockenhaus gebracht? Oder sind die Besitzer des Films auf der Rückreise verunglückt und der Film wurde nie zur Entwicklung gegeben? Das wäre für mich so schlimm, weil ich jedes Mal, wenn ich vergrösserte Fotos von Mädchen aus den Anden im Korridor einer Arztpraxis sehe, an mich in einem Fotoalbum denken muss. Dieser Arzt hat auch die Anden besucht und diese Mädchen als Erinnerung mitgenommen.

Mensch als Erinnerung. Der Albaner, der Flüchtling, dessen Gesicht als Bestätigung dient und zugleich befreit von seiner eigentlichen Persönlichkeit ist. In der Flut von Bildern, welche uns tagtäglich umgeben, haben die Gesichter die Aufgabe und Funktion sich zu dokumentieren und sich selber zu verneinen. Sie sind stumm und reden einen gelernten Text. Sie werden benützt, so harmlos wie ich und mein Bruder benutzt wurden – als Erinnerung an den Urlaub. Oder sie werden als Kleiderständer abgelichtet. Die Gesichter werden als Senioren oder als Junioren gezeigt. Wir kaufen Gesichter und wählen das "Gesicht des Jahres" und das "Face of the Universe". Sie sind mit ihren Körpern unterwegs, wenn sie schon längst tot sind, weil sie auf dem Zelluloid spazieren. Die Geschichte der Ausländerfrau trägt ein Kopftuch.

Von den Gesichtslosen hat keiner eine eigene Geschichte zu erzählen. Das Gesicht wird auf einen Geldschein gedruckt. Und obwohl das abgedruckte Gesicht eine sehr interessante Geschichte hat, wird er später nur zum Geldschein. So wie Alberto Giacometti, der tagtäglich durch die Hände läuft, ohne erkannt zu werden. Seine Figuren haben alle denselben traurigen Gesichtsausdruck.

Ohne Abstraktion, ohne Systematisierung vom Leben wären wir nicht überlebensfähig und so, in einer über-abstrakten Welt, wird die Möglichkeit zur Erkennung der Einmaligkeit des lebendigen Lebens immer geringer. Es scheint mir, dass die Literatur und insbesondere Lyrik "dem Gesicht" Gefühl und Stimme gibt. Eine unverwechselbare Stimme, welche jedem Gesicht entspricht. Und so wird das eigentlich Menschliche, das Wärme, waches Auge und Gedanken, aus einem Einzigartigen zum anderen gesandt wird. So wird eine Geschichte aus Händen in eine Welkt zu lebendigen Augen weggetragen, um sie zu erschüttern oder zu beglücken. Und wenn ich an die Sprache als letzten möglichen Ort der Aufbewahrung von Verfremdung denke, dann denke ich auch an die Zungenlosen, weil ich jetzt zwischen ihnen lebe und sehr wohl weiss, dass sie viele Gesichter und eine deutsche Sprache haben, welcher ich nun nachzukommen versuche.

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