"Der praktische Versuch, die Grenzen des Möglichen zu erweitern"

Während drei Jahren hat eine Vielzahl von Friedensorganisatio-nen und Freiwilligen weltweit an der Vorbereitung der Haager Konferenz mitgearbeitet, nach knapp einer Woche war alles vorbei. Wie war der Erfolg für die Organisierenden? Wie geht es weiter? Ein Interview mit Colin Archer vom Internationalen Friedensbüro in Genf.

Wie kam es eigentlich zur Haager Friedenskonferenz, über 80 Jahre nach der letzten, grossen Konferenz? Wessen Idee war dies?

Colin Archer: Es sind zwei Personen, deren Verdienst das Zustandekommen der Konferenz hauptsächlich ist: es sind dies Cora Weiss, die Vize-Präsidentin des Internationalen Friedensbüros IPB, und William R. Pace, der Generalsekretär der Weltfö- deralistInnen-Bewegung. William war schon während der Friedensdekade aktiv, die 1989 begann und mit Haag sozusagen beendet wurde – für ihn und für uns alle ein Anlass, dass eine weitere Dekade, ja ein Friedensjahrhundert folgen musste.

Aber es gab auch einen anderen wichtigen Grund: Die Vereinten Nationen hatten in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Weltkonferenzen durchgeführt, zur Ernährungsfrage, zum Wachstum der Weltbevölkerung, zur Umwelt... – aber nichts wurde zum Thema Frieden gemacht! Deshalb wollten wir, die Organi-satorInnen, zeigen, dass die Zivilgesell-schaft das Thema Frieden auf die Agen- da setzen will – und kann. Und wir wollten all den Menschen, die sich irgendwo auf der Welt für den Frieden einsetzen, die Gelegenheit geben, einmal zusammenzukommen.

Die Haager Konferenz wurde zu viel mehr als einer Konferenz – sie ist eigentlich eine Kampagne, die in erster Linie mobilisieren soll.

Du hast die UNO angesprochen: Gab es irgendeine Unterstützung durch die Weltorganisation?

Colin Archer: Die Haager Konferenz ist eine Initiative der Zivilgesellschaft, dies im Gegensatz zu den beiden vorherigen Konferenzen 1899 und 1907. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat seither in verschiedenen Resolutionen die Regierungen dazu aufgefordert, in diesem Jahrhundert-Prozess Richtung Frieden weiterzumachen – wir haben nun dieses Versprechen erfüllt. Immerhin schien die Konferenz der UNO und den Regierungen wichtig genug, um ihre zum Teil höchsten VertreterInnen zu delegieren, man betrachte nur die imposante Liste der prominenten Redner-Innen.

Die Haager Konferenz ist ein eindrück-liches Beispiel dafür, was die Zivilgesell-schaft erreichen kann. Ein Beispiel in einer Serie von Beispielen: Ich denke an die Kampagne zum Verbot der Landminen, die Kampagne zum Verbot der chemischen Waffen – bei beiden war der Druck und die Informationsarbeit der Zivilgesellschaft ausschlaggebend für ihren Erfolg. Ebenso dazu gehört die Kampagne für einen Internationalen Gerichtshof für Kriegsverbrechen, die einen besonders langen Weg hinter sich hat.

Gegen 8000 Personen kamen nach Den Haag, viele VertreterInnen von Friedens-organiationen und von anderen NGO, aber auch viele Einzelpersonen. Gerade für diese war es nicht leicht, sich in der riesigen Zahl von Workshops, Foren, Diskussionsgruppen und kulturellen Veranstaltungen zurechtzufinden. Wie war die Kommunikation zwischen den vertretenen Organisationen und den individuell Angereisten? Und was habt ihr dafür getan, dass das Ganze nicht ausein- anderfiel, sondern ein gemeinsames Ziel erreichte?

Colin Archer: Nun, es war auch für uns Organisierende überwältigend, auch wir hatten Tage, an welchen wir begeistert waren und uns gestärkt fühlten, und dann wieder Tage, wo jeder sich fast ein bisschen verloren fühlte. Ich glaube, die Leute haben jeweils für sich das Beste daraus gemacht.

Die TeilnehmerInnen vermittelten uns in erster Linie ein Gefühl der Inspiration. Selbst wenn mann schon ein erfahrener Aktivist ist wie ich – es war eine Gelegenheit, um völlig neue Ideen und um neue Menschen mit dem gleichen Ziel aus der ganzen Welt kennenzulernen. Viele AktivistInnen, die seit Jahren in schriftlichem Kontakt miteinander stehen, haben sichin Den Haag zum ersten Mal persönlich kennengelernt.

Es wurde kritisiert, dass die Teilnehmer-Innen nicht genügend früh über die Haager Agenda sowie über die Sitzungen, an welcher die Agenda diskutiert werden konnten, informiert worden waren.

Colin Archer: Wir versuchten, soviele Menschen als möglich in die Vorbereitung und Diskussion der Agenda einzubeziehen – das war eine Riesenarbeit. Erleichtert hat uns dies zwar die Möglich- keit elektronische Post an alle Enden der Welt zu schicken. Aber natürlich konnten wir nicht alle potentiell Interessierten erreichen. Es gab aber hunderte von Kritiken, Verbesserungs- und Änderungsvorschlägen... Der Text, den wir schliesslich an der Haager Konferenz vorlegten, war immer noch nur ein Entwurf und die TeilnehmerInnen waren schon in der Einladung aufgefordert worden, ihre Anmerkungen mitzuteilen.

Vielleicht gab es aber auch ein schweizerisches Problem: Die SchweizerInnen hatten keine Koordination ihrer Teilneh-merInnen organisiert, wie dies viele andere Länder taten, um damit den Infor-mationsfluss besser zu organisieren.

Was war aus deiner Sicht das Ergebnis der Konferenz? Bist du zufrieden?

Colin Archer: Ja, sehr. Wie ich schon erwähnte, es war sehr motivierend. Und hat viele neue Menschen für die Friedensarbeit mobilisiert. Es gab uns allen das Gefühl, nicht alleine in diesem Einsatz für den Frieden zu sein, es hat die Isolation mancher AktivistInnengruppe durchbrochen.

Auf der anderen Seite darf die Wirkung dieser Konferenz nicht überschätzt werden. Es war nur ein Schritt. Aber es wird weitere Schritte geben. Nächstes Jahr, wenn das "Millenium NGO-Forum in New York" stattfinden wird, werden wir eine weitere Gelegenheit für eine Botschaft an die Welt haben.

Was passiert nun mit dem Haager Appell? Wie geht es weiter?

Colin Archer: Zunächst versuchen wir, den Appell einem inneren Kreis von Frie-densaktivistInnen bekanntzumachen, vor allem denjenigen, welche nicht nach Den Haag kommen konnten. Wir versuchen, alle Gruppierungen dazu zu motivieren, sich dafür einzusetzen, dass der Appell in den Zeitungen ihrer Länder veröffentlicht wird, oder zumindest in den eigenen Publikationen. Alle Frie-densorganisationen können den Appell – oder Teile davon – als Instrument für ihre Arbeit benützen. Wir versuchen, den Text an allen grossen internationalen Konferenzen zu präsentieren und ihn den internationalen Organisationen zu übergeben. Bislang waren diese nicht besonders erfreut darüber und einige erschraken regelrecht daüber, dass der Appell inhaltlich so weit geht. Je mehr Leute jedoch die Organisationen auf den Appell hinweisen, umso wichtiger wird dieser werden.

Wie erklärst du dir das geringe Medieninteresse für die Haager Konferenz?

Colin Archer: Nun, viele JournalistIn-nen waren wohl sehr mit dem Kosov@-Krieg beschäftigt, zumindest die europäischen Medien. Es waren aber immerhin 200 JournalistInnen an der Konferenz anwesend! Und letzte Woche kam sogar etwas im Koreanischen Fernsehen...

Ich denke, dass die Konferenz für die Medien wohl zu wenig kontrovers war. Die Medien lieben Konferenzen mit Konflikten und spektakulären Spaltungen, nicht so sehr aber erfolgreiche Treffen.

Von vielen wurden wir auch wegen unseres Slogans "Es ist Zeit den Krieg abzuschaffen!" nicht ernstgenommen. Einige meinten, dass wir nicht mehr mit beiden Beinen auf dem Boden ständen: Von der Abschaffung des Krieges zu sprechen, wo doch gerade in Europa ein neuer ausgebrochen sei. Der Slogan gibt eigentlich vielmehr eine Richtung, eine Zielsetzung an und widerspricht der harten Realität überhaupt nicht – es geht um den praktischen und realistischen Versuch, die Grenzen des Möglichen zu erweitern!

Interview: Manuela Reimann

Das internationale Büro für den Frieden

Das Internationale Friedensbüro in Genf, welches mit der Internationalen Vereinigung der AnwältInnen gegen Atomwaffen IALANA, der Internationalen Vereinigung der ÄrztInnen gegen Atomkrieg IPPNW und den WeltföderalistInnen zusammen die Haager Konferenz auf die Beine gestellt hat, ist eine Art Dachverband der Friedensbewegung weltweit. Immerhin sind 193 Organisationen aus der ganzen Welt Mitglied, aber es gibt auch die Möglichkeit der Einzelmitgliedschaft. Das IPB – in Genf angesiedelt – fungiert vor allem aber auch als "Lobbyingstelle für Friedensfragen" gegenüber der UNO. Gegründet wurde das Friedensbüro 1892 in der Schweiz.

In Den Haag hat das IPB zusätzlich zur Mit-Organisation der Konferenz Meet-ings und Veranstaltungen durchgeführt, wie zum Beispiel die "Lunchtime Lectures", an welchen die ZuhörerInnen über die Konferenzgeschichte von 1899 informiert wurden. In Den Haag wurde denn auch vom IPB der jährliche "McBride Peace Price" verliehen (benannt nach dem langjährigen Präsidenten des IPB): Barbara Gladysch von den "Müttern für den Frieden" aus Deutschland erhielt den Preis 1999 für ihr jahrelanges Engagement für Abrüstung und Ausübung praktischer Solidarität mit Opfern von Kriegen und Katastrophen. Die Friedenspreisgewinnerin lockerte die Preisverleihung mit einem symphatischen Gag auf: Sie kam als Bertha von Suttner kostümiert.

Kontaktadresse International Peace Bureau IPB, 41 rue de Zurich, 1201 Genf. Tel. 022/731 64 29, Fax 022/738 94 19. E-Mail www.ipb.org

Die ehemalige friedenszeitung hat im März 1997 das IPB porträtiert, die FriZ porträtierte den Generalsekretär Colin Archer in der FriZ 1/99 – beide Texte sind weiterhin erhältlich.


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