Das Jugendprogramm war vom "Erwachsenen"-Programm nicht streng getrennt: Jugendliche besuchten auch viele Veranstaltungen ausserhalb des Jugendprogramms, und an den Jugendveranstaltungen waren meist auch Ältere zu sehen. Dennoch waren Unterschiede zu spüren, wie sich schon am ersten Tag zeigte: Dieser Tag stand als Jugendorientierungstag im Programm. Einerseits sprachen RednerInnen über die Hauptthemen der Konferenz, andererseits war Zeit zum Kennenlernen reserviert, aber auch für wunderschöne japanische Flötenmusik und Präsentationen der unterschiedlichsten Jugendgruppen aus aller Welt. Doch noch vor dem Mittag wurde das Programm zum erstenmal spontan abgeändert: Ein Teilnehmer hatte bemerkt, dass sich FernsehjournalistInnen vor dem Friedenspalast, dem Sitz des internationalen Gerichtshofs, postiert hatten, dies wegen der Klage Jugoslawiens gegen die NATO. Er schlug vor, dort auf den Haager Appell aufmerksam zu machen, weil es der Konferenz an Medienecho mangelte. Also zogen etwa 200 Personen gleich hin, machten Lärm, um die Kameraleute aus ihren Wagen zu locken. Diese kamen auch wirklich, und wir forderten sie auf, nicht nur über bewaffnete Konflikte zu berichten, sondern auch über die Konferenz und damit über Ansätze, wie diese verhütet oder gelöst werden könnten. Ob davon jemals irgendwo etwas am Fernsehen gekommen ist, weiss ich jedoch nicht.
Diese Aktion war typisch für die Jugendkonferenz. Hier beschlich mich nie das Gefühl, dass wir eigentlich nur uns selbst zelebrierten, wie das in den "Erwachsenen"-Versammlungen manchmal der Fall war. Auch in den Formen der Workshops waren markante Unterschiede festzustellen: An einem durchschnittlichen "Erwachsenen"-Workshop hielten zunächst 5 RednerInnen Vorträge, bevor sich das Publikum beteiligen konnte. Im "Youth Space", wo die meisten Jugend-Workshops abgehalten wurden, war dies anders: Die Ergänzungen zum Entwurf der Haager Agenda zum Beispiel wurden in zwei Zukunftswerkstätten ausgearbeitet.
Einige wichtige Punkte aus diesen Ergänzungen:
Bei der UNO soll es eine ständige Jugendvertretung geben.
Der Einsatz von unter 18-jährigen in bewaffneten Konflikten muss als Kriegsverbrechen gelten.
Jugendliche sollen an der Lokalpolitik teilhaben und besser miteinander und mit den Älteren kommunizieren.
Auf lokaler Ebene sollen technische und finanzielle Mittel und Fachleute zur Verfügung stehen, so dass Friedenserziehung in Kursen wie auch informell erfolgen kann.
Die Finanzierung von Ausbildungsprogrammen soll durch Schuldenerlass ermöglicht werden.
Aus der Präsentation im Schlussplenum, in dem diese Jugend-Agenda vorgestellt wurde, möchte ich folgende Aussagen zitieren: "Wir haben zu dieser Agenda die Perspektiven der Jugend beigetragen, die Resultate unseres gemeinsamen Lernprozesses. (...) Die Entscheidungen von heute formen unsere Zukunft. Wir wollen an diesen Entscheidungen teilhaben. Wir sind fähig und entschlossen, daran zu arbeiten. (...) Wir wissen, dass wir uns zusammenschliessen und unsere Unterschiede überwinden müssen, um maximale Wirkung zu erzielen. Wir haben das Projekt Globale Jugendversammlung gestartet, das die bestehenden Jugendnetzwerke koordinieren und integrieren wird. Wir drängen darauf, dass Sie helfen, diese Jugendversammlung aufzubauen und unsere Grundlage für den Aktionsplan studieren. (...) Wenn die Masse der Menschen wirklich Frieden will, ist es möglich. Wir drängen Sie, jetzt zu handeln."
Die Agenda richtet sich an die UNO und alle Regierungen der Welt.
Das Wertvollste waren wohl die persönlichen Begegnungen. Leute von Okinawa, einer abgelegenen japanischen Insel, die sich in Den Haag auf einem anderen Planeten wähnten. Die Serbin und der Kosovo-Albaner, die sich herzlich umarmten. Viele AmerikanerInnen, auf die einfach keine Klischees zutreffen wollten.
Als eindrücklichstes und schönstes Erlebnis bleibt mir eine Gedenkfeier für Flüchtlinge in Erinnerung. 200 Leute versammelten sich dazu an einem Abend vor dem Friedenspalast. Eine Gruppe von englischen Jugendlichen hatte dazu aufgerufen; zwei Mitglieder ihrer Gruppe hatten von Holland kein Visum bekommen, weil sie sich als Flüchtlinge in England aufhielten. Anfangs sprach ein Jugendlicher über das Schicksal dieser und anderer Flüchtlinge. Ein Indianer hielt sodann eine lange Rede über Mutter Erde und ihr Leiden, während wir schweigend zuhörten, mit Kerzen in den Händen. Danach stimmten wir uns mit Sprechchören auf die nun folgende Zeremonie ein. Jeweils eineR von uns begann mit einem Lied, worauf allmählich alle mitsangen. Während einem mehrstimmigen A-Capella-Gesang fing jemand zu tanzen an, und bald sprangen alle ekstatisch herum. Bis wir genug hatten und zum besinnlichen Teil der Zeremonie übergingen. Alle konnten von Personen erzählen, an die sie jetzt dachten: Im Krieg umgekommene Väter, heimatvertriebene Freundinnen. Wir gedachten jeder dieser Personen mit kurzem Schweigen. Am Ende begannen wir wieder zu singen, fassten uns an den Händen und rannten wild auf dem Platz herum. Nach zwei Stunden war die Feier zu Ende.
Das Jugendprogramm des Haager Appells ist nicht zu Ende: Viele Jugendorganisationen haben untereinander Kontakte geknüpft, Partnerschaften mit Organisationen in Kriegsgebieten wurden übernommen, viele kümmern sich um die Umsetzung der Agenda. Ich hoffe nur, dass nicht in 100 Jahren abermals eine Konferenz zur "Abschaffung des Krieges" einberufen werden muss.
*David Schmitter ist MitInitiant und Aktivist der Globalen Initiative.| Inhaltsübersicht | nächster Artikel |
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